Während einige Menschen leidenschaftlich die deutsche Politik aufmischen, sagen die Anderen: “Politik interessiert mich nicht; sie interessiert sich ja auch nicht für mich.“ Doch ist das so?

Tja, Politik hat einfach keinen guten Ruf. Viele Menschen verbinden den Begriff sogar mit negativen Assoziationen. Der deutsche Politikwissenschaftler Werner Patzelt fand heraus, dass für viele Deutsche Demokratie nach Sozialstaat klingt, Liberalismus nach Gefahr, Streit nach Unsachlichkeit und Kompromiss nach faulem Zeug.

Die Politikverdrossenheit der Deutschen wird deutlich, wenn man sich diese Statistik aus dem Jahr 2013 anschaut, die bis heute wohl kaum an Aktualität verloren hat.

Statistik: Warum interessieren Sie sich nicht so sehr für Politik? Was von der Liste würden Sie nennen? | Statista

45% der Befragten sagen, sie hätten das Gefühl keinen Einfluss auf die politische Lage nehmen zu können. Was? Dabei ist doch unser gesamtes Leben ein Politikum! Die Wahl, ob man Fleisch isst oder nicht, der Zusammenschluss mit den Nachbarn, um den Kiez zu schützen, selbst die Wahl des Clubs, in dem das Tanzbein geschwungen wird oder (Online-)dating sind politisch. Politik umfasst alles, was die Gestaltung und Einflussnahme innerhalb der Gesellschaft bestimmt, sowohl im persönlichen als auch im öffentlichen Bereich. All das wissen wir doch längst und trotzdem entscheiden sich viele Menschen, Politik (vergeblich) aus ihrem Leben zu streichen.

Deutschland, was los bei dir?

Wir von GoVolunteer sind politisch engagiert. Klar, dass wir uns wir uns da auch in einer Blase bewegen. Deshalb wollen wir die Menschen kennenlernen, die glauben, nichts bewirken zu können. Also sind wir los uns haben angefangen, den Menschen Fragen zu stellen. Hier sind die Antworten von drei Menschen zu den Themen Politik, Mitgestaltung der Gesellschaft und Ehrenamt.

BINE  (31)  OFFICE & PR MANAGERIN

„Achtet mehr auf Eure Mitmenschen!“

GoVolunteer: Was verstehst Du unter dem Begriff Politik?
Bine: Politik ist für mich ein grundlegendes Element unserer Gesellschaft, das auf unserem System aufbaut und beide sich gegenseitig bedingen. Manchmal ist Politik aber auch nur ein Haufen Menschen, die versuchen, diese Gesellschaft anzuführen und erfolglos in Zaum zu halten.

GoVolunteer: Welche Themen beschäftigen Dich im Alltag?
Bine: Menschliches Miteinander, meine Zukunft, meine Vergangenheit, meine Freunde, Essen, Serien und meine Katze.

GoVolunteer: Was verstehst Du unter Ehrenamtliches Engagement? Und warum engagierst Du Dich nicht (politisch)?
Bine: Unter ehrenamtlichem Engagement verstehe ich eine Tätigkeit, der man nachgeht, bei welcher man keinen persönlichen Nutzen hat, keine Bezahlung erhält, aber mit seiner Arbeit andere Menschen/Organisationen unterstützt. Ich engagiere mich nicht politisch, da ich aufgrund von Arbeit und Uni zeitlich ziemlich ausgelastet bin. Sollte sich das ändern, könnte ich mir vorstellen, mich ehrenamtlich zu engagieren, allerdings eher im sozialen Bereich.

GoVolunteer: Wer oder was würde Dich motivieren aktiver (an der Gestaltung der Gesellschaft) zu werden?
Bine: Ein bedingungsloses Grundeinkommen, was mir erlaubt, weniger zu arbeiten / mehr Freizeit zu haben.

GoVolunteer: Inwiefern kann man, aus Deiner Sicht, die Welt ein bisschen besser machen?
Bine: Indem man ein bisschen auf die Natur Acht gibt und auch auf die Menschen in seiner Umgebung.

GoVolunteer: Würdest Du Dich engagieren, wenn Du wüsstest wie?
Bine: Wenn ich überall mit Werbung etc. beschallt werden würde, die mir Möglichkeiten aufzeigen, würde es eventuell mit der Zeit fruchten.

GoVolunteer: Abschließend: Gehst Du zur EU Wahl?
Bine: Ja, weil’s wichtig ist. Das ist das Mindeste, was man tun kann.

BEATRICE (26) STUDENTIN

Ich stehe absolut hinter dem Konzept der EU.”

GoVolunteer: Was verstehst Du unter dem Begriff Politik?
Beatrice: Unter Politik verstehe ich die Verantwortung für ein Volk zu übernehmen und in dessen Willen zu agieren; dem Volk nach bester Möglichkeit Frieden, Arbeit, soziale Gerechtigkeit und gute Lebensbedingungen zu verschaffen.

GoVolunteer: Was verstehst Du unter Ehrenamtliches Engagement? Und warum engagierst Du Dich nicht (politisch)?
Beatrice: Ehrenamt bedeutet unentgeltlich aber “idealistisch” zu arbeiten. Ich engagiere mich aus Zeitgründen und – ehrlicherweise – aus Ignoranz nicht.

GoVolunteer: Wer oder was würde Dich motivieren aktiver (an der Gestaltung der Gesellschaft) zu werden?
Beatrice: Ich denke Freunde und Familie. Wenn Ehrenamt offensichtlicher in unserer Gesellschaft integriert werden würde, heißt, ehrenamtliche Arbeit größere Präsenz in meinem Alltag hätte, dann könnte ich die Thematik auch nicht mehr so leicht ignorieren. In England oder in Frankreich zum Beispiel werden viele karitative Projekte bereits an Schulen initiiert; häufig stehen ehrenamtliche Mitarbeiter*innen von Vereinen an Supermarktkassen und man spendet sein Wechselgeld. Da fällt wegschauen definitiv schwerer.

 

GoVolunteer: Würdest Du Dich engagieren, wenn Du wüsstest wie?
Beatrice: Ich würde mich gern kirchlich engagieren, am liebsten im Sexualdienstleistungsbereich. Ich habe aber eine ungemeine Angst davor, dass meine heile Welt Risse bekäme. Vielleicht nehme ich das Ziel nach meinem Studium in Angriff.

GoVolunteer: Abschließend: Gehst Du zur EU Wahl?
Beatrice: Definitiv, weil Europa mein Zuhause ist, das ich gerne mitgestalten möchte. Außerdem stehe ich absolut hinter dem Konzept der EU.

JEFF DE LA MAVI (30 – 50) FREISCHAFFENDER DESIGNER/ SÄNGER & SONGWRITER

Genießt die kleinen Dinge des Lebens und versucht die lauten, störenden Geräusche auszublenden. Die Wahrheit ist im Kinderlachen und im Wedeln eines Hundeschwanzes zu finden und nicht im Internet. back to basics. think global, act local.”

GoVolunteer: Wie hat Europa Dein Leben beeinflusst?
Jeff: Ich habe mich schon immer wie ein Weltbürger gefühlt. Als die Idee mit der Europäischen Gemeinschaft eingeführt wurde und viele Grenzen fielen, fühlte ich mit freier und bestätigt in meinem Denken, dass die Menschen im Grunde genommen alle irgendwie Weltbürger*innen sind. Dass das nicht immer zutrifft oder dass sich viele Leute sicherer und bestärkter in kleinen Mikrokosmen fühlen ist mir eigentlich erst vor kurzem aufgefallen. Vielen ist es gar nicht klar, dass sie ein Teil vom Grösseren sind; sie wollen es nicht wahrhaben, dass ihre Nationalität nichts Greifbares ist, sondern sie auch eine Mischung von vielen Kulturen sind. Meine Berufswahl beispielsweise wurde jedoch nicht von der EU beeinflusst, da meine Werte relativ fest in Stein gemeisselt sind; was wahrscheinlich an meinem Elternhaus liegt. Meine Ansichten sind natürlich immer den jeweiligen Gegebenheiten unterworfen, formen sich aber durch Diskussionen und neuen Informationen.

 

GoVolunteer: Wie genau beeinflusst Dein Lebensweg Deine politische Partizipation?
Jeff: Ich glaube, dass meine politische Partizipation eher was mit meinem Alter zu tun hat als mit meinem Lebensweg. ich finde, dass die Sexualtät genauso wenig, wie andere Faktoren wie z.B der soziale Hintergrund oder das Geschlecht die politische Partizipation bestimmen sollten. Manche Menschen fühlen sich in ihren kleinen Filterblasen wohler und denken, dass sie in kleinen Gruppen mit denen sie sich identifizieren,  besser repräsentiert und bestärkt werden. Solche Filterblasen können unglaublich gefährlich sein, weil sich dort Menschen mit verschiedenen Leveln an Informationen/ Aufnahmefähigkeiten/ Intelligenz befinden. Es gibt nicht so etwas wie die eine Wahrheit.

GoVolunteer: Wie engagierst Du Dich politisch?
Jeff: Ich hab mich zufällig mit ein paar Freunden zusammengetan, nachdem mir der Online Mob zu viel wurde und ich das Gefühl hatte etwas tun zu müssen. Ich wollte mich auch live mit realen Menschen austauschen, um meine Gefühle, Ängste, Sorgen und Ideen zu teilen. Das geht online meiner Meinung nach nicht. Also haben wir eine kleine Gruppe von like-minded Individuals gegründet und haben uns auf zwei Projekte, an denen wir je nach Zeit und Lust arbeiten, konzentriert. Es schleift momentan, weil wir alle beruflich eingespannt sind, aber wir machen auf jeden Fall weiter. Meiner Meinung nach muss man keiner Partei beitreten, um politisch zu sein –  sie kann sogar hinderlich sein. Was ist, wenn die Partei der ich anhänge mit manchen Weltanschauungen von mir nicht d’accord ist? Klar gibt es eine Wunschpartei wie meine eigene “Ich-Partei” nicht. Ich finde aber trotzdem, dass man sich mit anderen zusammenschließen und immer im kleinen Rahmen mit Menschen das Gespräch suchen sollte; das tue ich in meinem Laden regelmäßig und es tut gut zu sehen, dass der gleiche Schuh weltweit überall gleich doll drückt.

GoVolunteer: Welche positiven Aspekte siehst Du persönlich in politischer Partizipation? Was ist Deine Motivation?
Jeff: Ich fühle mich freier, weil ich aufgeklärter bin! Viele Sachen machen mir keine Angst mehr, oder stressen mich nicht mehr so sehr wie noch vor zwei Jahren. Ich habe gelernt den Rechner/Smartphone ab dem frühen Abend auszuschalten bzw. keine Social Media mehr zu konsumieren – das Framing ist einfach ne Bitch. Es ist auch die Zeit für die Ruhe, um ein Buch zu lesen, sich mit Freunden zu treffen, einen Spaziergang zu machen. Politik sollte nicht die Überhand nehmen. Man braucht Ausgleich.

GoVolunteer: Was empfiehlst Du Leuten, die sich engagieren wollen?
Jeff: Hört älteren Menschen zu. Versucht euch in ihre Lage zu versetzen. Geht in Büchereien. Lest internationale, unabhängige Medien.

Trage einen Teil zur Gesellschaft bei, in dem Du Dich jetzt sozial engagierst!

Finde jetzt ein Engagement, das zu Dir passt!

Über die Autorin

Trang kommt ursprünglich aus Dresden und lebt seit 2010 in Berlin. Sie studiert an der TU Sprache und Kommunikation und fokussiert sich auf die Themen Herkunft, Rassismus und (Geschlechter-)rollen. Durch ihren bikulturellen Background versucht sie ihre Erfahrungswerte mit ihren Mitmenschen zu teilen und neue Perspektiven aufzuzeigen.