Die #MayForEurope-Kolumne

Hinnerk Höfling ist historischer Leiter beim Zentrum für politische Schönheit. Neben einer laufende Promotion an der Universität Siegen setzt sich der Autor und Historiker für eine aktive Gesellschaft ein und schreibt als Kolumnist für GoVolunteer.

Wie der berühmte Künstler und Überlebender von Auschwitz Yehuda Bacon einst sagte, muss der Mensch seine Kraft auf das Gute richten um der Macht, die ihm und in logischer Konsequenz der Gesellschaft inne wohnt überhaupt einen Wert beizumessen. Nur so könne die zerstörerische Ader der Macht versiegen.

Das individuelle und gesellschaftliche Streben nach dem Wesen der Gerechtigkeit, nach dem Guten und moralisch Schönen scheint jedoch in einen Dornröschenschlaf gefallen zu sein, aus dem wir nur langsam erwachen. Meine Sorge gilt nicht der Frage wann, sondern ob wir rechtzeitig aufwachen oder wir uns nicht in einer Welt wiederfinden werden, in der die Macht ihre negative Wirkung entfalten konnte. Bereits Thomas Hobbes bezeichnete diesen derzeitigen Zustand als die Schlafsucht des Müßigganges, an dem Staaten und Gesellschaften, die auf gesunden Werten aufgebaut wurden zu Grunde gehen.

Ich muss gestehen, dass ich diesen Weg des Müßigganges selbst lange beschritten habe. Ich bin 31 Jahre alt. Meine Generation ist von den Umtrieben der Geschichte weitestgehend verschont geblieben und somit im Gleichschritt der Masse untergetaucht ohne zu verstehen, warum wir nach dem Guten streben müssen, warum wir uns entscheiden müssen in was für einer Welt wir leben wollen und was wir bereit sind für diese Welt zu unternehmen.

Nun müssen wir mit den Konsequenzen unserer Lethargie leben. In vielen Nationen, denen vor nicht allzu langer Zeit ein moralisch-gesellschaftlicher Fortschritt attestiert wurde (Brasilien, Russland, Türkei, USA um nur einige zu nennen), sind wieder Despoten an der Macht. Im gesamten Europa sind rechtsextreme Kräfte auf dem Vormarsch.

In Polen darf bereits keine Konnotation zwischen dem Nationalsozialismus und der nationalen Vergangenheit mehr hergestellt werden.

Im ehemals faschistischen Italien wurde wieder eine Regierung aus Rechtspopulisten und Nationalisten gebildet.

In Spanien – gerieten die Schrecken des Frankquismus unlängst in Vergessenheit – ist die ultrarechte Partei Vox am vergangenen Sonntag zweistellig ins Parlament eingezogen.

In Deutschland, dem Land, das für die größten Verbrechen des 20. Jahrhundert, für die einzige industrielle Massenvernichtung in der Menschheitsgeschichte verantwortlich ist, dürfen sogenannte Politiker die Errichtung des Mahnmals für die ermordeten Juden in Europa wieder offen als Schande, den Nationalsozialismus als Vogelschiss in der deutschen Geschichte, islamische Mitbürger als Kopftuchmädchen, alimentierte Messermänner und Taugenichtse bezeichnen, dürfen Nazis in den großen Städten wieder zu Aufmärschen und Konzerten aufrufen bei denen sie ihr rechtsradikales menschenverachtendes Weltbild präsentieren, dürfen sich ganze Parteien öffentlich mit nationalsozialistischen Kreisen solidarisieren, und der Verfassungsschutz greift nur zögerlich ein, werden unbescholtene Künstler wegen des Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung wieder vollumfassend überwacht und an den Pranger gestellt, werden Anschläge auf Asylbewerbereinrichtungen und Hetzjagden auf Migranten wieder zum Alltag, werden Holocaustleugner zu Märtyrern und ehrenamtliche Helfer zu Angeklagten, werden Vertreter der Rechtsstaatlichkeit, Journalisten und sogenannte Gutmenschen mit Morddrohungen überhäuft, werden gesamte Landstriche und Institutionen wieder der Meinungshoheit der rechtsradikalen Szene überlassen und wird zugeschaut wie Zehntausende Menschen im Mittelmeer für ein gerechtes Leben, für ihr Streben nach dem Guten ertrinken.

Mir scheint der große Schlaf ist noch lange nicht überwunden, doch eines hat der Aufmarsch der Neonazis in ganz Europa und vor allem in Deutschland wieder bewirkt: Viele haben verstanden, dass das Gute, das Gerechte nicht selbstverständlich ist und wir nur einen Anspruch auf diese Gerechtigkeit haben, wenn wir für sie einstehen und kämpfen und den Kräften, die unsere Demokratie und Freiheit bedrohen friedlich, aber entschieden entgegentreten.

Ein Alptraum hat viele aus dem Schlaf gerissen und viele erinnern sich, was passieren kann, wenn man nicht für das Richtige, das moralisch Schöne eintritt, was passieren kann, wenn man wegschaut und vor der Gegenwart des Bösen die Augen verschließt. Doch viele mehr müssen sich wieder erinnern. „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden.“

 

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Über den Autor

Hinnerk Höfling ist historischer Leiter beim Zentrum für politische Schönheit. Neben einer laufende Promotion an der Universität Siegen setzt sich der Autor und Historiker für eine aktive Gesellschaft ein und schreibt als Kolumnist für GoVolunteer.