Wie eine europäische Zivilgesellschaft Vertrauen in die EU schaffen kann

Europa in der Krise

Die Europäische Union steckt in einer tiefen Sinnkrise: Die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 und die Krise der Euro-Zone ab 2010 haben überall in Europa die Arbeitslosigkeit in die Höhe getrieben und die soziale Ungleichheit verstärkt. Vor allem junge Menschen waren davon betroffen und blicken bis heute in eine unsichere berufliche Zukunft. Ab 2015 kam zur wirtschaftlichen Krise die sogenannte “Flüchtlingskrise” hinzu und im Sommer 2016 machte die Brexit-Abstimmung in Großbritannien die “Dreieinigkeit” der europäischen Super-Krise perfekt.

Europa ist vor diesem Hintergrund zum Lieblings-Kampfbegriff der Populist*innen geworden: Für alle sozialen, wirtschaftlichen und selbst ökologischen Missstände wird “Brüssel”, also die EU, verantwortlich gemacht. Das Ergebnis: Die Menschen haben das Vertrauen in das europäische Projekt, in seine Institutionen und Akteur*innen verloren. Dieser Vertrauensverlust äußert sich seit Jahren u.a. in der sehr geringen Teilnahme an den Europawahlen.

Die demokratischen, pro-europäischen Parteien haben derweil größte Probleme, eine schwungvolle Kehrtwende einzuleiten – zu sehr hat ihr Ansehen unter den oben beschriebenen Krisen gelitten. Während sich die parteipolitischen Akteur*innen also vergeblich für mehr Europa-Euphorie einsetzen, sind die Dinge an anderer Stelle durchaus ins Rollen gekommen: und zwar im Bereich des ehrenamtlichen und zivilgesellschaftlichen Engagements für Europa.

Ehrenamt als Ausweg aus der Vertrauenskrise der EU?

Wie aber kann diese zivilgesellschaftliche Bewegung wieder mehr Vertrauen in Europa schaffen? Und wie können Ehrenamtliche dazu beitragen, dass die Menschen erkennen, welchen hohen Wert die Europäische Union für unser Zusammenleben heute hat – auch außerhalb des parteipolitischen Kampfs um Richtlinien, Verträge und Verordnungen?

Ehrenamt als europäisches Projekt umfasst zwei Ansätze: Zum einen können bestehende Formen des Engagements über nationale und sprachliche Grenzen hinweg ausgeweitet und vernetzt werden. Und zum anderen können Ehrenamtliche aktiv für proeuropäische Positionen eintreten und Europa zum Gegenstand ihres Engagements machen. Wenn wir neues Vertrauen schaffen wollen, dann brauchen wir beide Dimensionen, denn nur so kann eine “europäische Öffentlichkeit” entstehen.

Das europäische Ehrenamt ist für viele Menschen bereits Realität: Freiwilligendienste ermöglichen es beispielsweise jungen Menschen, in anderen EU-Ländern als Ehrenamtler*innen in den verschiedensten Bereichen tätig zu werden – von der Behindertenarbeit bis zur Sprachförderung für Kinder und Jugendliche. Da die meisten Projekte des Ehrenamts jedoch in lokalen Strukturen verankert sind und erst durch die Nähe zwischen den Engagierten und ihrer Zielgruppe Sinn machen, müssen wir Europa nicht nur als Spielwiese, sondern auch als Gegenstand von ehrenamtlicher Arbeit stärker in den  Vordergrund stellen. Eine gemeinsame öffentliche Sphäre würde Europa zu mehr machen als einem bürokratischen Institutionengefüge, das vor allem im Dienste der Wirtschaft steht. Die “Öffentlichkeit” könnte Europa einen neuen Wert verleihen und Menschen das Gefühl vermitteln, im europäischen Koordinatensystem feste Bezugspunkte zu haben.

Ehrenamtliches Engagement trägt auch insofern zur Schaffung einer europäischen Öffentlichkeit bei, als dass es einen Raum für Debatten bietet. Hier können spannende Gespräche entstehen und die Möglichkeit, seine eigenen Meinungen einmal zusammen mit anderen kritisch zu hinterleuchten.

Polis180 ist der Grassroots-Thinktank für die junge Generation. Für neue Ideen zu Außen- und Europapolitik.

Mit der Kampagne „jung und wählerisch“ verdeutlicht Polis180, wie wichtig die Europäische Union und die Europawahlen sind.

Der EUROMAT von Polis180 und der Bürgerbewegung Pulse of Europe funktioniert ähnlich wie der Wahl-O-Mat, aber bezieht sich auf europäische Parteien.

“Ownership”: Wie Bürger*innen selbst zu Akteur*innen Europas werden

Eine ehrenamtliche Tätigkeit ermöglicht es den Bürger*innen weiterhin, ein Gefühl von “ownership”, also Teilhabe, für das europäische Projekt zu entwickeln. Viele Menschen sind bereit, Zeit und Mühe für ein Projekt, das ihnen am Herzen liegt, aufzubringen. Doch oftmals ist diese Euphorie schnell verflogen, da diejenigen, die sich engagieren, sich mit den Ergebnissen ihres Engagements nicht mehr identifizieren können. Diesen so wichtigen Kitt können wir nur dann wiederherstellen, wenn Bürger*innen das Gefühl haben, dass ihr Engagement etwas verändern kann, im Kleinen wie im Großen, und dass sie ernst genommen werden.

Sind diese beiden Elemente des “ownerships” gegeben – die Möglichkeit zur Gestaltung und das Gefühl, von politischen Entscheidungsträger*innen ernst genommen zu werden – dann wird die europäische Bürger*innenbewegung auch einen echten Beitrag zum Fortbestehen der EU leisten können. Denn sie wird von Vertrauen getragen werden und bei den Menschen in Europa Vertrauen schaffen.

Bei Polis180 und der Kampagne “jung & wählerisch” ist unser Ziel, Europa zu einem Projekt von und für Bürger*innen zu machen. Informieren und mobilisieren sind wichtige Ansätze, aber wir wollen junge Bürger*innen ebenfalls dazu ermutigen, sich längerfristig mit europäischen Themen auseinanderzusetzen. Bei uns können sich junge Menschen bei partizipativen Diskussionsveranstaltungen, durch die Mitarbeit an Podcasts, bei Schulworkshops u.v.m. einbringen und so die Europa-Idee anderen näher bringen. Wir setzen bewusst auf Team-Projekte, um das “ownership” zu stärken – ein Podcast produziert sich nicht allein!  Darüber hinaus kooperieren wir mit anderen europäischen Initiativen, zum Beispiel bei unserer Web-App „Euromat„: wir haben alle europäischen Parteienfamilien gebeten, zu ausgewählten politischen Statements Stellung zu nehmen – das Prinzip entspricht dem des Wahl-O-MatenWahl-O-Maten der Bundeszentrale für politische Bildung. Mit der Hilfe unserer Partnerorganisationen in ganz Europa haben wir die Antworten der europäischen Parteien in 6 Sprachen übersetzen können, sodass es Benutzer*innen in 10 Ländern zur Verfügung steht. So leben wir auch die Vernetzung der europäischen Zivilgesellschaft!

Ehrenamtliches Engagement eröffnet den Bürger*innen auch die Möglichkeit, sich dem oft einschüchternd wirkenden Thema EU persönlich zu nähern. Bei Polis180 kann man in den verschiedenen Programmbereichen auch ohne Vorkenntnisse einsteigen und neue Mitglieder sind immer gerne gesehen!

Durch erstarkende Initiativen, die ihren Kern in der Zivilgesellschaft haben, gelingt es uns, dem politischen Projekt der EU wieder mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Europäische Bürger*innen, die für ein bestimmtes Anliegen oder eben für die EU selbst über die Grenzen hinweg auf die Straße gehen und gemeinsame Aktionen auf die Beine stellen, senden ein positives Zeichen und ermuntern andere, sich ebenfalls zu engagieren.

Engagiere dich jetzt mit Polis180 für Europa!

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Und in vielen anderen Städten deutschlandweit.

Über die Autoren

Lukas Hochscheidt und Luisa Kern

Seit Anfang Februar engagieren wir uns beim jungen Grassroots-Thinktank Polis180, genauer gesagt für dessen Wahlkampagne „jung und wählerisch“ im Vorfeld der Europawahlen. Für die Kampagne arbeiten wir u.a. am Podcast „Brüsseler Bahnhof“ mit, der sich an junge und junggebliebene Wähler*innen wendet. In 30-minütigen Episoden versuchen wir, unser Publikum über Europa zu informieren und zu begeistern – so wollen wir Interesse für Europa wecken und bei den Europawahlen am 26. Mai eine möglichst hohe Wahlbeteiligung, vor allem bei Erst- und Zweitwähler*innen, erreichen. Wir beide sind in Deutschland aufgewachsen, haben in Frankreich auf einem Europa-Campus Politikwissenschaft studiert und fühlen uns in erster Linie als Europäer*innen.