Die Problematik ist klar: Unsere Ernährung und die Entscheidung, was wir in welchen Mengen konsumieren, nehmen entscheidenden Einfluss auf unser Klima, auf die Artenvielfalt und das Gleichgewicht unseres Planeten.

Dabei geht es nicht nur um die Debatte Fleisch oder kein Fleisch, vegan oder vegetarisch, sondern insbesondere darum, dass wir nicht einmal mehr wissen wo unser Essen eigentlich herkommt.

Wieso haben wir den Bezug zu unserem Essen verloren?

Nach dem 1. und 2. Weltkrieg führten der Überschuss an Stickstoff und Chlor aus der Waffenindustrie und die fleißige Forschung an der Ernährungssicherung Europas zur Weiterentwicklung und vermehrtem Einsatz chemischer Dünge- und Pflanzenschutzmittel. Ungefähr wie wir sie heute kennen. Ausgehend von einer hungerleidenden Nachkriegsgesellschaft entstand über Jahrzehnte hinweg bis heute eine Überflussgesellschaft in der der Hunger – zumindest in den Industrienationen – immer mehr in den Hintergrund rückte.

Die Geschichte des anonymen Lebensmittels

Die Möglichkeit, große Massen an Lebensmitteln zu produzieren, fördert die Spezialisierung und einzelne Produktionsschritte werden ausgelagert.

Getreide wird in Übersee angebaut und nach Deutschland verschifft, um hier gemahlen zu werden. Das Mehl wird zum nächsten Logistikzentrum zur Lagerung transportiert. Von dort aus wird es an die nächste groß-industrielle Bäckerei geschickt, die z.B. Teilchen backt, sie einfriert und in alle Filialen des Landes und darüber hinaus versendet. Die einzelnen Filialen backen die Teilchen wiederum auf und verkaufen sie. Ein Beispiel dafür, wie uns der Bezug zu Nahrungsmitteln und Menschen verloren geht.

Denn das, was wir als Konsument*innen sehen, sind Angestellte, die uns warme Kirschplunder direkt aus dem Ofen servieren. Bäuer*innen, Müller*innen oder gar die Bäcker*innen sind Unbekannte, die Lebensmittel anbauen und weiterverarbeiten, jedoch keine relevante Rolle mehr im sozialen Miteinander der Gesellschaft spielen. Woher sollen wir also wissen welchen Wert wir unseren Lebensmitteln zuschreiben sollen?

Sich mit ehrenamtlichem Engagement weiterbilden und dieses Wissen multiplizieren

Konkret beschäftigen sich damit die einzelnen Ehrenamtlichen von Slow Food Youth, die politischen Aktivismus mit Verbraucher*innen-Bildung kombinieren. Slow Food Youth Deutschland ist ein Zweig der internationalen Bewegung Slow Food.

Sie stehen für gute, saubere und faire Lebensmittel und den Erhalt der damit verbundenen Kultur und Gemeinschaft und den Schutz von Umwelt und Klima.

Und jede*r kann sich anschließen. Bundesweit oder lokal organisieren verschiedenste Gruppen von Slow Food Youth Events, Workshops oder Kampagnen, die darauf abzielen, Forderungen an die Politik laut zu machen, Nachhaltigkeitsstrategien der Wirtschaft zu hinterfragen und Verbraucher*innen Wissen zu vermitteln und ihnen bewusst zu machen,  dass ein wertschätzender Umgang mit Lebensmitteln nicht nur das Klima, sondern auch einen großen Teil unserer Kultur erhält.

Mit Slow Food Youth die Beziehung zum Essen verbessern

Lange, undurchsichtige Wertschöpfungsketten und die Illusion, dass von vermeintlich guten Lebensmitteln zu jedem Zeitpunkt mehr als genug vorhanden sind (und das zu immens günstigen Preisen), führen dazu, dass Lebensmittel als selbstverständliches Gut angesehen werden. Die Nachfrage ist groß, die Verschwendung ebenso und das von Beginn der Wertschöpfungskette an – bei Bäuerin und Bauer heißt das: Um konkurrenzfähig zu bleiben und weiterhin so viel oder noch mehr zu produzieren, nutzen sie Monokulturen in Ackerbau und Viehwirtschaft mit viel Pestizideinsatz. All diese Dinge befeuern wiederum den Verlust von Artenvielfalt und den Druck auf unser Klima. So entsteht durch die lose Beziehung zu unseren Nahrungsmitteln ein Kreislauf zwischen Verbraucher*innen, Bäuer*innen, Groß- und Einzelhandel, der schlussendlich auf Kosten des Klimas geht.

Hier interveniert Slow Food Youth: Die Beziehung zum Handwerk, zur Herstellung und zum Anbau des Lebensmittels wird von den vielen Ehrenamtlichen auf unterschiedlichste Art und Weise gestärkt. Von der mobilen Kinderküche „SlowMobil“, bis hin zu internationalen Aktionen gegen Lebensmittelverschwendung wie den Schnippeldiskos, die mehrmals im Jahr an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt stattfinden, der gemeinsamen Demonstration bei der „Wir-haben-es-satt“ in Berlin oder dem „Food Film Festival“ in Münster, planen Ehrenamtliche kleine und große Aktionen und Kampagnen, die Verbraucher*innen mit den Akteur*innen der gesamten Wertschöpfungskette zusammenbringen, über das Lebensmittelsystem aufklären und so für nachhaltigen Klimaschutz kämpfen.

Jede*r Einzelne hat mit der Wahl seines*ihres Lebensmittels auch die Wahl zu einer nachhaltigeren Welt

Der*die Einzelne kann wenig bewegen? Von wegen! „They are giants but we are millions“ (dt.: „Sie sind Giganten, aber wir sind Millionen“) ist einer der Leitsprüche des internationalen Netzwerks von Slow Food, welches sich gegen die wenigen, aber riesigen Konzerne richtet, die derzeit den Welthandel im Lebensmittelsektor diktieren. Was es dazu braucht, ist das Wissen um die Kettenreaktion, die wir als Einkäufer*innen in Gang setzen, wenn wir jeden Tag Entscheidungen für oder gegen ein Lebensmittel treffen. Dieses Wissen bekommen wir nur, wenn wir gemeinsam darüber sprechen, uns in den Austausch mit Bäuer*innen und Handwerker*innen begeben und ganz wichtig: Essen und Lebensmittelwertschätzung zelebrieren, gemeinsam kochen, ernten, anbauen und die unterschiedlichsten Aktionen planen, um zu zeigen: Essen ist politisch!

Weiterführende Links zur Entwicklung von Pflanzenschutzmitteln:

Über Düngemittel und Munition vor und nach dem ersten Weltkrieg

Bönisch, G: „Erster Weltkrieg – Neue Waffen zu Lande, zu Wasser und in der Luft“ (2013)

Klebs, F.  „Schießpulver, Dünger, Viagra: Ausstellung zeigt Stickstoff, Nitrat, Nitrit als Vielzweck-Chemikalie“ (2015)

Über DDT als Schutz gegen Malaria und als Pflanzenschutzmittel:

Vaupel, E. „DDT vom Wundermittel zum Teufelszeug“ in Kultur & Technik (01/2003, S. 32-36)

Die Bilder in diesem Post unterliegen dem Copyright (In den Post eingebettetes Bild: (C) Fabian Melber ; Autorenbild: (C) David Gräber).

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Über die Autorin

Anna Messerschmidt ist 26, seit 2015 aktiv bei Slow Food Youth in Münster und seit diesem Jahr Mitglied des sechsköpfigen Leitungsteams von Slow Food Youth Deutschland.

Neben ihrer Leidenschaft für nachhaltige Lebensmittel und damit für ein zukunftsfähiges Lebensmittelsystem, setzt sie sich auf vielerlei Ebenen für ein nachhaltiges Miteinander ein. Ihr Herz hängt an Minimalismus, Zero Waste und sozial-kulturellem Austausch. Neben der ehrenamtlichen Arbeit bei Slow Food Youth, arbeitet sie deswegen im Projektmanagement für ein Lebensmittelunternehmen mit Social Impact, betreut die praxisvermittelnde Kitchen Class mit Geflüchteten und ist Teilnehmerin der SFY Akademie 2019. Sie singt, moderiert und nutzt ihre Stimme für Podcast- und Interviewformate. Als Teil des Teams Kommunikation kümmert sie sich um den instagram-Account @slowfoodyouthdeutschland und hält Kontakt zu den verschiedenen bundesweiten AGs des Netzwerks.