Urheberin: Andrea Köster

Wie gelingt Integration während der Corona Pandemie? Mit welchen Problemen werden die Menschen konfrontiert? Diese Fragen haben wir unseren Freund:innen vom Malteser Hilfsdienst gestellt und viele hilfreiche Antworten bekommen.

GoVolunteer: Warum ist gerade jetzt ein wichtiger Zeitpunkt, um über das Thema Integration zu sprechen?

Malteser: Begegnungen sind für die gesellschaftliche Integration sehr wichtig. Leider müssen verständlicherweise durch die Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie Kontakte auf ein notwendiges Minimum reduziert werden. Auch wenn in der öffentlichen Wahrnehmung nach über einem Jahr Pandemie die alltäglichen Nöte von vielen Menschen etwas in den Hintergrund gerückt sind, bleiben die Herausforderungen zur Aufrechterhaltung der Kontakte zwischen Mehrheitsgesellschaft und neu angekommenen Menschen weiterhin bestehen.

GoVolunteer: Welche Herausforderungen und Schwierigkeiten kommen durch Corona auf eine gelungene Integration zu?

Malteser: Die integrative Arbeit lebt von der menschlichen Begegnung. Sowohl alt eingesessene als auch neu angekommene Menschen in Deutschland profitieren von einem persönlichen Austausch und lernen voneinander. Das Erkunden von Gemeinsamkeiten und die Reflektion über eigene Ansichten durch das Kennenlernen neuer Perspektiven sind fundamental für einen gelungenen Integrationsprozess.

Der Ausbruch der COVID-19-Pandemie zwang viele Aktive und Geflüchtete ihre Tandems und Projekte einzustellen. Gemeinsames Singen, Filmprojekte, Aktivitäten mit Kindern mussten wir nahezu komplett einstellen, um einen Beitrag zur Bewältigung der Pandemie zu leisten. Manche Projekte konnten glücklicherweise in die digitale Welt verlagert werden.

Nähprojekte von geflüchteten und nicht-geflüchteten Frauen organisierten sich über Messenger-Gruppen und Anrufe, um gemeinsam jeweils von zuhause aus Masken für bedürftige Menschen und Einrichtungen anzufertigen. Musikunterricht konnte über Videochat-Plattformen als Einzelunterricht fortgesetzt werden. Hausaufgabenbetreuungen und Patenschaften, sowie Gesprächskreise, Spieleabende und Frauencafés, wechselten ebenso in digitale Räumlichkeiten.

Allerdings verlief der Übergang nicht stets reibungslos. Beide Seiten vermissten den persönlichen Austausch. Viele Geflüchtete konnten sich schlicht die technische Ausstattung etwa für eine Online-Nachhilfe nicht leisten. Manchen Aktiven fiel es schwer sich mit neuen Online-Formaten zurechtzufinden. Der Aufbau von neuen Kontakten durch meist das reine Kennenlernen in Video- und Messenger-Chats kann steinig sein.

GoVolunteer: Wie geht Ihr mit Corona um? Habt Ihr Tipps und Tricks?

Malteser: Mut macht dabei der Durchhaltewillen und die geduldige Lernfähigkeit von Aktiven und Geflüchteten. Wir haben Computerspenden eingeholt und konnten durch beantragte Fördermittel der Generali Deutschland AG PCs zur Ausleihe für Geflüchtete erwerben. Im Rahmen unseres neuen Projektes “Lernen in Zeiten von Corona” können wir so viele Geflüchteten bei der technischen Ausstattung unterstützen.

Angesichts der neuen Rahmenbedingungen für das Engagement, etwa im Bereich der Online-Nachhilfe o.ä., ist eine gute Begleitung und Unterstützung der Freiwilligen sowie der Geflüchteten umso wichtiger: etwa durch Qualifizierungen oder Workshops im Bereich der Medienkompetenz und der digitalen Wissensvermittlung. Dafür haben wir uns mit Expert:innen, wie unserem befreundeten Verein Grenzenlos Digital e.V., vernetzt). In unserem Projekt “Lernen in Zeiten von Corona” sind zahlreiche neue Patenschaften, Tandems und auch Freundschaften entstanden.

Darüber hinaus gibt es zur Wissensvermittlung über Online-Formate zahlreiche Lernangebote. Auch zahlreiche Bildungsträger, wie die Volkshochschulen, bieten Kurse in Digitalkompetenzen an, die die Aktiven für ihre Arbeit online brauchen.

GoVolunteer: Finden zurzeit Begegnungsveranstaltungen bei Euch statt?

Malteser: Präsenzveranstaltungen sind seit fünf Monaten in jedweder Form nicht mehr möglich. Einzelbegleitungen finden nur in dringenden Notfällen statt. Dies bedingt eine starke Fokussierung auf die Unterstützung zur Nutzung von digitalen Formaten. Regelmäßige Telefonate mit und unter den Aktiven und Austausch in Online-Meetings ist sogar fast noch wichtiger als in Zeiten ohne Pandemie.

GoVolunteer: Gibt es durch Corona auch Chancen für die Integration von Menschen, die neu in Deutschland sind?

Malteser: Die COVID-19-Pandemie stellt für die integrative Arbeit eine Herausforderung, aber kein Hindernis dar. Auch wenn der direkte Austausch vor Ort vielen schmerzlich fehlt, können Online-Begegnungen und neue Videochat-Bekanntschaften herzliche Momente erzeugen. Alle sind von der aktuellen Situation betroffen, was auch ein Gefühl der Verbindung hervorbringen kann. Neue Möglichkeiten bietet das digitale Integrationsengagement durch die Unabhängigkeit von räumlicher Distanz. Ehrenamtliche aus einer südwestdeutschen Kleinstadt können gemeinsam mit an der Küste lebenden Neuangekommenen aktiv werden. Der Bedarf für ehrenamtliches Engagement in der Integrationsarbeit war selten höher!

GoVolunteer: Vielen Dank für das Interview und Eure großartige Arbeit!