Sanna Marin macht es vor. Die junge Finnin ist die jüngste Ministerpräsidentin der Welt und zeigt: auch als junge Frau ist eine Karriere in der Politik möglich. Doch noch immer sind Frauen in der Politik unterrepräsentiert. In Finnland besteht das Frauenwahlrecht erst seit 113 Jahren, der Anteil an Frauen im Parlament beträgt dort 47%. Und auch in Deutschland dürfen Frauen erst seit 101 Jahren wählen. Hier liegt der Frauenanteil im Bundestag aktuell bei nur 31,2 %.

Das sich junge Frauen in Deutschland jedoch auch für Politik interessieren, zeigt Theresa Hein. Die 24-Jährige war bereits Stadtbezirks-Abgeordnete in Hannover und engagiert sich weiterhin für politische Themen. Das Besondere an ihr: Sie ist auch Influencerin auf Instagram und Gründerin des Blogs Hannoverlife. Wir haben mit ihr über neue Wege gesprochen, um junge Menschen für Politik zu begeistern und wie sie ihre Rolle als junge Frau in der deutschen Politik erlebt.

GoVolunteer: Du bist Influencerin, Moderatorin und politisch aktiv. Gehört das alles gleichermaßen zu dir oder gibt es einen Bereich, der dich besonders interessiert?

Theresa: Nein, alle drei Tätigkeitsbereiche gehören gleichermaßen zu mir. Sie ergänzen sich sogar sehr gut. In allen drei Bereichen beschäftige ich mich mit (sozialen) Medien. Bei meinem Blog Hannoverlife arbeite ich unter dem Aspekt „Lifestyle“ zielgruppengerechte Informationen über meine Heimatstadt Hannover auf, beim Moderieren stehe ich selbst in einem hoch professionalisierten Umfeld vor der Kamera und im politischen Bereich beschäftige ich mich mit zielgruppengerechter und moderner Politikvermittlung über die sozialen Medien. Ich bin froh, dass ich dadurch verschiedene Blickwinkel auf das Themengebiet „Online-Kommunikation“ bekomme. Mir ist wichtig, Impulse und Erfahrungen meiner Themenbereiche zu kombinieren und dadurch neues auszuprobieren.

GoVolunteer: Einige Politiker*innen sind für ihren Umgang mit jungen Menschen in die Kritik geraten. Auf welches Thema – inhaltlich oder bezüglich der Kommunikation mit jungen Menschen – würdest du gern mehr Aufmerksamkeit richten?

Theresa: Zurecht sind die Politiker*innen in die Kritik geraten. Bezogen auf den Inhalt würde ich mehr Schwerpunkte auf die Themen legen, die junge Menschen aktuell interessieren. Die relevantesten Themen sind meiner Meinung nach Arbeitsmarktpolitik (Berufseinstieg, New Work) sowie eine große Zahl Zukunftsthemen, wie Klimawandel, Nachhaltigkeit, Mobilität und Digitalisierung.

Dazu gehört auch, dass Politiker*innen auf Medien ansprechend kommunizieren, wo junge Menschen aktiv sind – das sind die sozialen Medien. Besonders Instagram ist ein noch zu unterschätztes Medium für die politische Kommunikation. Da ist in allen Parteien noch viel Nachholbedarf.

GoVolunteer: Machst du auch feministische Politik? Wann hast du das Gefühl, dass du mehr feministische Politik brauchst?

Theresa: Nein, ich mache ich keine feministische Politik. Ich gehe an alles, was ich tue nicht aus der Perspektive heran, dass ich eine Frau bin und Feminismus predige. Meine grundlegende Motivation ist Leidenschaft und Überzeugung für bestimmte Themengebiete, besonders für die digitale Wirtschaft. Zu meiner Überzeugung gehört, dass ich als Frau ernst genommen werde und gleiche Chancen habe, wie ein Mann. Wenn ich da ein Problem verspüre, werde ich dieses offen und direkt ansprechen – das ist meine Art der feministischen Politik. Fragt mich gerne nochmal in einigen Jahren, wie ich zu feministischer Politik stehe aber aktuell habe ich nicht das Gefühl, dass es mehr feministische Politik braucht – es geht eher darum, dass ein Selbstverständnis eintritt, dass wir Frauen auf gleicher Stufe wie die Männer stehen.

GoVolunteer: Frauen, junge Menschen, Migranten – sie alle sind im Bundestag unterrepräsentiert. Hältst du eine faire Repräsentation für wichtig? Was sollten wir darüber hinaus tun, um Gleichberechtigung zu erreichen?

Theresa: Ja, ich halte eine faire Repräsentation für wichtig. Wir leben in einer repräsentativen Demokratie und daher sollte sich jede*r durch die Abgeordneten im Deutschen Bundestag vertreten fühlen. Wenn Frauen, junge Menschen und Migranten im Bundestag unterrepräsentiert sind, fehlen den weiblichen, jungen Bürger*innen oder auch Bürger*innen mit Migrationshintergrund Personen, mit denen sie sich identifizieren können. Und das ist fatal, denn Vertrauen in die Politik ist ein kostbares Gut. Ich bin der Meinung, dass über Identifikationsfiguren eine stärkere vertrauensvolle Bindung geschaffen werden kann und ebenfalls, dass sich dadurch das Interesse an der Politik steigert.

In Bezug auf die Gleichberechtigung im Bundestag können wir als einzelne Person wenig tun. Bei einer Bundestagswahl wählen wir einen Kandidaten, der zuvor von einer Partei aufgestellt wurde. Daher sollte jede einzelne Partei darauf achten, dass mehr Frauen, junge Menschen und Personen mit Migrationshintergrund zur Wahl stehen und/oder auch einen guten Listenplatz erhalten, damit sie ins Parlament einziehen können. Natürlich darf hierbei nicht die fachliche Kompetenz außen vorgelassen werden. Und so wie ich es mitbekomme, stellt dies Parteien vor Herausforderungen geeignete Kandidaten zu finden und diese dann auch intern zuzulassen. Also, wenn ihr da was ändert wollt, geht selbst in die Politik ☺.

GoVolunteer: Was kann der oder die Einzelne tun? Hast du Tipps für Menschen, die sich für Feminismus und Gleichberechtigung engagieren wollen?

Theresa: Wir können viel tun. Feminismus und Gleichberechtigung hat viel mit dem eigenen Mindset zu tun. Natürlich ist jeder einzelne in seiner Meinung geprägt und welche, die Feminismus und Gleichberechtigung nicht gut finden können das natürlich tun. Nur passt diese Sichtweise nicht mehr in unsere Zeit. Deswegen sollte sich jeder selbst reflektieren und offen gegenüber neuen emanzipierten Ansätzen sein. Personen, denen Gleichberechtigung sehr wichtig ist, sollten auch offen und selbstbewusst ihre Stimme dafür erheben und Gleichberechtigung leben.

Ich persönlich sehe mich als unabhängige und selbstbestimmte Frau. Um dabei seinen Weg zu finden helfen einem neben den gelebten Werten auch Rolemodels, Bücher, Filme und die sozialen Medien, die dieses Bild prägen. Gerade über Instagram gibt es eine große Community, die unter den Hashtags #girlpower oder #girlboss dieses Bild vorantreibt.

Mein Tipp ist: Lebt Gleichberechtigung und lasst euch von niemandem reinreden.

Sebastian Pohl Author GoVolunteer

Über den Autor

Sebastian ist Praktikant im Communications Team bei GoVolunteer. Nachdem er Philosophie und Psychologie studiert hat, ist er jetzt einer von denen, die neu nach Berlin gekommen sind. Er interessiert sich für Literatur, Debatten, Philosophie – für alles mit Worten und Sprache.