Die #VolunteerForFuture-Kolumne

Hinnerk Höfling ist historischer Leiter beim Zentrum für politische Schönheit. Neben einer laufenden Promotion an der Universität Siegen setzt sich der Autor und Historiker für eine aktive Gesellschaft ein und schreibt als Kolumnist für GoVolunteer.

Vor zehn Monaten gründete die 16-jährige schwedische Klima Aktivistin Greta Thunberg die Fridays for Future-Bewegung. Seit nunmehr einem halben Jahr wird das Kind von Klimawandel-Skeptikern- und Leugnern, von den Trollen der AfD sowie von rechtskonservativen Intellektuellen diffamiert und beleidigt. Seit beinahe drei Wochen geistert ein Kettenbrief durch das Netz, der beschreibt, wie „eine Behinderte in Panik versetzt“ und zum Zwecke einer „PR-Kampagne für die linksgrün indoktrinierten, naiven jungen Menschen“ missbraucht würde.

Die AfD trug zu der Vervielfältigung des Briefes bei. Für die meisten links-grün indoktrinierten, jungen Menschen ohnehin ein Indiz für die Fragwürdigkeit der Darstellung, belegen Recherchen des CORRECTIVs, dass es sich bei dem Inhalt des Briefs nicht um valide Fakten, sondern um frei erfundene Behauptungen handelt.

Die Fridays for Future-Bewegung ist zweifelsohne eine weltweite Kampagne gegen den menschengemachten Klimawandel. Die Debatte der letzten Wochen und Monate behandelt die Frage, wie die Klimapolitik gestaltet werden müsse, damit sie wirtschaftlich rentabel sei. Soll ein junges Mädchen mit ihren kaum älteren Helfern etwa ohne die Unterstützung von Industrie, Politik und Lobbyverbänden den Klimawandel im Alleingang aufhalten?

Diese Idee zeugt wohl von der Erfahrung der älteren rechtskonservativen, reflektiert-dialektischen Generation.

„Das tut man nicht!“

Statt die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die ökologischen Tatsachen anzuerkennen, wurde eine Hetzkampagne gegen Greta Thunberg losgetreten. Das Mädchen sei für die wertelose und glaubensleere Jugend bewusst als die Heilsbringerin einer ganzen Generation instrumentalisiert worden.

Diese Kampagne gegen Thunberg und ihre Bewegung entstammt zweifellos einem brillanten Geist. Sie suggeriert, dass die Gläubigen und Missionare des Klimawandels einerpost-christlichen Ikone nicht in die eigene Zukunft folgen, sondern getrieben von ihrem blinden Glauben an den Klimawandel, wie Lemminge auf den Abgrund der Bildungsarmut und der ökonomischen Rezession zuwanken, hinein in die post-religiöse, wertelose westliche Gesellschaft der Überfremdung.

Wessen geistiger Ursprung ist dieses wohldurchdachte Bild, das seit einigen Monaten nachgezeichnet wird?

Alexander Gauland malte es mit seiner stark begrenzten Farbpalette am 29.04.2019 während einer Wahlkampfveranstaltung der AfD:

„Da fällt mir sofort eine 16-jährige schwedische Schulschwänzerin ein, die in einer professionell gesteuerten Kampagne zum Nachwuchs Heiland aufgebaut wurde. Der Kult um Greta erinnert an kollektive Hysterie im Mittelalter. Wir hatten schon mal einen Kinderkreuzzug. Aber die Klimarettung als eine Art Ersatzreligion, mit der sich Migrantenströme und Milliarden Ausgaben begründen lassen, die die Taschen einer Funktionärskaste füllen, die werden wir nicht akzeptieren.“

Gut, Gaulands Ideenwelt entstammt dieses Konstrukt wohl kaum. Vor allem seine Äußerung zu den Kinderkreuzzügen offenbart, dass er nicht versteht, welche Stoßrichtung die Kampagne gegen Thunberg hat.

Rein zufällig äußerte sich ein großer Autor und Schriftsteller eine Woche vorher, wie folgt:

„Wer Greta bei der Annahme oder Übergabe der goldenen Kamera gesehen hat, wie sie da stand, auf der Bühne, sich an ihrer goldenen Kamera festhielt, in einem knappen ärmelkurzen weißen Kleidchen, es war die Wiederkehr der Heiligen Jungfrau Maria. Und ich meine das ohne jede Häme, nur ich weiß auch, dass der Auftritt genauso inszeniert wurde.“ (Henryk M. Broder, 22.04.2019)

Eine Woche nachdem Thunberg im Europäischen Parlament empfangen wurde, hatte Jörg Meuthen die Anspielungen des Kuschelmonsters offenbar besser als sein Parteivorsitzender verstanden:

„Ganz, ganz hoher Staatsbesuch, die heilige Greta von Schweden. Von dem gesamten Parlament Standing Ovations, für was fragt man sich, für was. Am nächsten Tag war sie dann beim Papst, dem gab sie eine kleine Audienz.“ (Jörg Meuthen, 23.04.2019)

Rein zufällig veröffentlichte Henryk M. Broder in dem Format Broders Spiegel: Ostern mit Greta einen Tag zuvor folgenden Ausführungen:

„Wir haben wieder eine heilige Jungfrau […] sie kommt aus Stockholm und gibt dem Papst eine Audienz. Das fand ich überhaupt eines der rührendsten Augenblicke, wie Greta den Papst empfängt. Irgendwie ist das in Deutschland falsch berichtet worden: es hieß immer der Papst habe Greta empfangen; es war natürlich genau umgekehrt. Sie hat sich dazu herabgelassen, dem Papst eine Audienz zu geben“. (Henryk M. Broder, 22.04.2019)

Vor den „Nazis, Neo-, Krypto-, und Paranazis“ der AfD (wie Henryk M. Broder die Mitglieder einer rechtsextremen Bewegung verharmlosend humoristisch bezeichnete) erklärte er seinem geschätzten Auditorium bereits, wie mit Greta und ihrem Hype umgegangen werden müsse.

„Neu ist nur, dass das Klima zum Fetisch der Aufgeklärten geworden ist, die weder an Jesus noch an Moses oder an Mohammed glauben. […] Der weltweite Hype um eine 16-jährige Schwedin, die sich als eine Wiedergängerin von Jean D‘arc hält, hat das eben wieder bewiesen.“

„Ich plädiere für eine Verschärfung des Tatbestands Kindesmissbrauch, um auch solche Fälle verfolgen zu können, wie den der bedauernswerten Greta aus Schweden, die von den Klimarettern zu der Ikone ihrer Bewegung erhoben wurde.“

Laut eigener Aussage im Plenarsaal der AfD vom 30.01.2019 wusste Broder bereits, dass er instrumentalisiert werden würde. Ob es jedoch seiner literarischen Größe würdig ist, zum Poentenschreiber und Spin-Doktor der AfD zu verkommen…

Wenn rechtsradikale Hetze durch eine nationalistische Verrohung des Sprachgebrauchs Feindbilder erzeugt, dessen trauriger Höhepunkt vorläufig die Hinrichtung des CDU-Politikers Walter Lübcke darstellt, sollte auch Henryk M. Broder unter weiser Rückschau auf seine jüngere Vergangenheit bedenken mit wem er sich solidarisiert und für wen er das Feindbild einer Märtyrerin entwirft.

Hinnerk Höfling

Über den Autor

Hinnerk Höfling ist historischer Leiter beim Zentrum für politische Schönheit. Neben einer laufenden Promotion an der Universität Siegen setzt sich der Autor und Historiker für eine aktive Gesellschaft ein und schreibt als Kolumnist für GoVolunteer.