Dass Fliegen nicht gerade eine Liebeserklärung an unsere Erde ist, weiß sogar mittlerweile meine Mutter, die gern mal die Plastikgabel im Biomüll verschwinden lässt. Laut einer Studie von Notz und Stroeve verursacht jede Tonne CO₂, die ein Mensch in die Atmosphäre einbringt, ca. drei Quadratmeter Eisschmelzen in der Arktis, was circa ⅓ meines WG Zimmers entspricht.

2018 stieg die Passagierzahl im deutschen Luftverkehr um 5,4 Prozent. Die Prognose, die die Europäische Umweltagentur veröffentlicht hat, warnt davor, dass die Tendenz weiterhin steigen wird und der Flugverkehr im Jahr 2050 für fast ein Viertel der globalen Emissionen verantwortlich sein werde. Na toll.

Weniger Fliegen und bei Reisen umweltfreundlichere Verkehrsmittel nutzen: Das ist das Ziel aller, die sich in 10 Jahren nicht unbedingt mit Sonnenschutzfaktor 5000 eincremen wollen. 

Doch was, wenn es keine Alternative zum Fliegen gibt? Wie sieht es mit Familienbesuchen im Ausland, mit regelmäßigen Flugreisen der diasporischen Community, der  zweiten Generationen in die Heimat der Eltern aus? Sind das gerechtfertigte Gründe, um das Fliegen zu boykottieren?

“Ich komme mir manchmal heuchlerisch vor, weil ich so oft an Umwelt- und Klimaschutz denke, aber dann selbst ins Flugzeug steige.” 

Ich habe mit Steph, einer deutsch-philipinischen Illustratorin unterhalten, die häufig in die Philippinen fliegt, um ihre Familie zu besuchen. Gemeinsam haben wir versucht der Frage auf den Grund zu gehen, ob es überhaupt Alternativen und faire Lösungen zu Flugreisen gibt.

GoVolunteer: Was bedeutet Klimaschutz für Dich?

Klimaschutz bedeutet für mich, so viel wie möglich in meinem persönlichen Leben zu ändern, um den Folgen des Klimawandels entgegenwirken zu können, der Natur etwas zurückzugeben und sie zu erhalten. In manchen Lebensbereichen fällt es mir jedoch (noch) schwer zu verzichten oder mich zu ändern. Und es gibt auch Tage, da fällt es generell schwerer etwas zu lassen, was man sonst sein Leben lang getan hat oder immer noch total gerne macht. Aber ich denke, wenn einfach mal alle es versuchen würden, dann hätte das einen großen Effekt, auch wenn es nur kleine Veränderungen im Alltag bei jedem Einzelnen wären.

Besonders die Menschen, die in Industriestaaten leben, müssen etwas ändern. Wir tragen große Verantwortung für die Länder, die als erstes von dem Klimawandel am stärksten betroffen sein werden. Leider betrifft das auch meine „zweite Heimat“, die Philippinen.

GoVolunteer: Inwiefern beeinflusst Dich das Thema in Deinem Leben?

Mittlerweile mache ich mir ganz bewusst Gedanken darüber, was ich esse und was ich kaufe. Wenn es um Fortbewegung im Alltag geht, versuche ich so oft es geht meinen inneren Schweinehund (bzw. Autofahrer) zu überwinden und mit dem Fahrrad zu fahren. Das sah vor ein paar Jahren noch ganz anders aus. Ich erzähle in meiner Familie und im Freundeskreis worauf ich mehr achten möchte und versuche sie davon zu überzeugen, sich auch mehr Gedanken darüber zu machen. Auf Mülltrennung habe ich früher nicht geachtet, das hat sich ebenfalls geändert. Gerade fange ich damit an immer mehr Plastik aus meinem Alltag zu verbannen. Das ist gar nicht so einfach.

in our hands ocean

Auf den Philippinen bin ich seit Kurzem dabei an Beach Clean Ups teilzunehmen und hoffentlich in Zukunft auch selbst zu organisieren. Freunde von mir sind dort als Klima- und Umweltaktivisten tätig, wodurch ich auch bei einigen Aktionen dabei sein konnte, bei denen Kinder und Jugendliche über Umwelt und Klima aufgeklärt oder gemeinsam Bäume gepflanzt werden. Das war sehr inspirierend, besonders weil die Menschen dort die wirklich Leidtragenden sind und die Folgen als erstes so richtig zu spüren bekommen.

Der Meeresspiegel steigt an, wodurch das Land quasi schrumpft; Plastik und anderer Müll wird an die Strände gespült; Dürreperioden und Überschwemmungen nach starken Gewittern und Stürmen werden extremer. Irgendwann werden diese Menschen Klimaflüchtlinge sein. Und natürlich mache ich mir dabei auch Sorgen um die Zukunft meiner Familie, die überwiegend dort lebt. Ich mache mir Sorgen um meine Zukunft.

“Der Langstreckenflug zu meiner Familie? Das nagt an mir. Ich kann mir aber momentan noch nicht vorstellen daran etwas zu ändern, trotz des Wissens über die Auswirkungen. Vielleicht ändert sich das aber noch.”

GoVolunteer: Ist Dir bewusst, inwiefern sich Fliegen auf das Klima auswirkt? 

Ja, das ist mir bewusst. Da ich mit dem Flugzeug auf die Philippinen reise, beschäftigt mich das mittlerweile sehr. Ich komme mir manchmal heuchlerisch vor, weil ich so oft an Umwelt- und Klimaschutz denke, aber dann selbst ins Flugzeug steige. Früher bin ich sogar öfters von Berlin nach München geflogen. Das würde ich heute nicht mehr tun. Zugfahrten finde ich an sich auch richtig entspannend, aber ein großes Problem ist eben auch, dass so ein Bahnticket dreimal so teuer sein kann als ein Flugticket. Und dann denkt man sich schon, Zeit und sogar Geld sparen? Dann nehm ich doch lieber den Flug. In diesem Moment einfach purer Egoismus und Bequemlichkeit. Aber ja, gerade auf Inlandsflüge sollten wir verzichten. Ich kann es aber total verstehen, wenn weiterhin viele Menschen aufgrund des Preisunterschieds doch lieber fliegen.

in our hands woods

“Stell dir einen Baum vor, dessen Wurzeln jahrelang keinen Halt in der Erde hatten und nun verfestigen sie sich nach und nach und wachsen.”

GoVolunteer: Wie wichtig ist es Dir, die Verbindung zu Deiner philippinischen Kultur zu pflegen?

Das ist mir inzwischen sehr wichtig. Ich hatte lange Zeit eine Art Identitätskrise. Da spielen viele Erfahrungen mit ein, die ich in Deutschland aber auch auf den Philippinen gemacht habe, wodurch ich mich von meinen philippinischen Wurzeln, besonders als Teenager, distanzieren wollte.

Heutzutage sehe ich das anders und beschäftige mich viel mehr mit der Geschichte und der Kultur der Philippinen. Da habe ich viel aufzuarbeiten, aber es fühlt sich gut an. Stell dir einen Baum vor, dessen Wurzeln jahrelang keinen Halt in der Erde hatten und nun verfestigen sie sich nach und nach und wachsen.

GoVolunteer: Wo auf der ganzen Welt hast Du denn Familienangehörige?

Alphabetisch sortiert: Australien, China, Deutschland, Frankreich, Italien, Kanada, Philippinen, Schweiz, USA, VAE

Ja, Filipinos wandern häufig aus, weil sie im Land selbst keine gute Lebensperspektive haben. Woanders verdienen sie im Vergleich besser und können dann zusätzlich ihrer Familie in der Heimat finanziell unter die Arme greifen.

GoVolunteer: Wie oft besuchst Du sie bzw. würdest Du sie gern besuchen?

Das ist unterschiedlich. Viele von ihnen habe ich noch nie besucht oder sehen können. Ich fahre alle paar Jahre in unterschiedlichen Abständen auf die Philippinen, da dort quasi der „Kern“ der Familie ist und die meisten Familienangehörigen leben. Philippinische Familien sind oft sehr groß, falls du dachtest, dass nach der Länderaufzählung zuvor wahrscheinlich alle ausgewandert sein müssten. Früher als Teenager habe ich etwa alle zwei Jahre meine Tante und Cousin in Frankreich besucht. Da saß ich aber nicht im Flieger, sondern lag im Nachtzug. Gerne würde ich meine Familie jedes Jahr sehen und natürlich auch einmal die besuchen, die ich noch nicht besuchen konnte.

“Familienbesuche bedeuten Familie zu erleben und an ihr teilzuhaben. Es ist für mich wie eine Seelenheilung meine Familie und das Land meiner Wurzeln zu besuchen.”

GoVolunteer: Welche Alternativen gäbe es für Dich, um sie zu besuchen und würdest Du diese nutzen? 

Alternativen sind natürlich Soziale Medien, besonders Facebook. Darüber halte ich viel Kontakt zu meiner Familie und bin quasi immer up to date. Manchmal telefonieren wir auch. Das ersetzt für mich aber keinen persönlichen Besuch oder direkten Kontakt.

GoVolunteer: Wie sähe Deine Ideallösung für regelmäßige Familienbesuche im Ausland in Kombination mit Klimaschutz aus?

Kurz und knapp: Ich weiß es nicht. Ist es genug, dass ich dafür in meinem Alltag auf immer mehr verzichte? Reicht das aus, um nicht auch noch auf den direkten Kontakt mit meiner Familie verzichten zu müssen? Ich würde es mir wünschen. Aber ich habe keine Ahnung.

Fliegen und Reisen

GoVolunteer: Wie wirst Du Dich in Zukunft zum Thema Fliegen verhalten? 

Gerade kann ich es mir nicht vorstellen meine Flugreisen alle paar Jahre auf die Philippinen noch weiter einzuschränken. In Nachbarländer, wie die Schweiz oder Frankreich kann ich natürlich mit dem Zug oder Bus fahren und damit habe ich auch kein Problem.

Aber um auf die Philippinen zu kommen bin ich auf das Fliegen angewiesen, weil das einfach zu weit weg ist. Selbst auf diesem Weg kann ich bis zu 30 Stunden unterwegs sein und das wird mit ansteigendem Alter auch nicht erträglicher. Ich könnte wahrscheinlich irgendwie tage- oder wochenlang übers Festland bis nach China oder Vietnam reisen und von dort dann vermutlich in ein Schiff, um nach Manila zu kommen. Darüber habe ich mich ehrlich gesagt nie informiert, aber ich könnte mir das sowieso nur schwer vorstellen. Wie gesagt, 20-30 Stunden zu fliegen ist für mich auch schon ziemlich anstrengend und am Ende wahrscheinlich günstiger. Und mal Butter bei die Fische, Geld und Zeit spielt eben auch eine Rolle.

Und nun?

Ich frage mich, ob es überhaupt klimaneutrale Reisemethoden gibt. Selbst in der aktuellen Debatte über Greta Thunbergs Segeltour müssen die Beteiligten zugeben, dass Langstreckenreisen nicht 100% umweltfreundlich sein können. Da spielen Faktoren wie Bau oder Instandhaltungen der Verkehrsmittel ebenfalls eine Rolle. Nichtsdestotrotz können wir darauf achten, aus welchem Material die Fahrzeuge hergestellt werden. Sind sie recyclebar? Wir können unser Reiseverhalten reflektieren. Muss ich jedes Jahr nach Griechenland fliegen oder wäre ein Urlaub an der Ostsee auch eine Alternative (Beispiele findet Ihr hier.)? Mittlerweile gleichen viele ihre Flüge mit einer Spende an Projekten, die Emissionen kompensieren sollen. (Wie das genau funktioniert, erfährst Du hier). Doch reichen all diese Maßnahmen aus, um das Flugverhalten der Menschen langfristig zu beeinflussen? Was denkt Ihr? Lasst uns reden.

*alle Illustrationen in diesem Artikel sind von Steph. Weitere Arbeiten von Ihr findet ihr auf www.mazagg.com/ oder auf Instagram: @stephanie_mazagg

Über die Autorin

Trang kommt ursprünglich aus Dresden und lebt seit 2010 in Berlin. Sie studiert an der TU Sprache und Kommunikation und fokussiert sich auf die Themen Herkunft, Rassismus und (Geschlechter-)rollen. Durch ihren bikulturellen Background versucht sie ihre Erfahrungswerte mit ihren Mitmenschen zu teilen und neue Perspektiven aufzuzeigen.