Foto: Flughafen Stuttgart GmbH

Zwar wurde der Stuttgarter Verein Trott-war vor 26 Jahren mit dem Zweck gegründet, die gleichnamige Straßenzeitung herauszugeben, doch sind im Laufe der Jahre einige weitere Projekte hinzugekommen. Das große gemeinsame Ziel ist, eine Beschäftigung für Menschen zu schaffen, die es auf dem regulären Arbeitsmarkt schwer haben sowie auf ihre schwierige soziale Lage aufmerksam zu machen.

Straßenzeitung

Die erste Ausgabe der Straßenzeitung erschien im November 1994. Mittlerweile sind es jedes Jahr zwölf Monats- und zwei Sonderausgaben mit einer Auflage von jeweils 20.000 bis 40.000 Stück. Verkauft werden sie von rund 170 Verkäufer*innen in mehr als zehn Außenstellen im schwäbischen Raum: Heidelberg, Ulm, Tübingen, Heilbronn, Schwäbisch Gmünd, Reutlingen, Ludwigsburg, Heidenheim, Aalen und Backnang. Die Redaktion und Vertriebszentrale liegen in Stuttgart.

Die Redaktion bemüht sich, den Leser*innen ein möglich breites Spektrum an Themen und etwas Unterhaltung zu bieten. So enthält jede Ausgabe in festen Rubriken ein Gewinnspiel, Karikaturen sowie Besprechungen von Ausstellungen, Vorführungen und Büchern. Der Schwerpunkt liegt allerdings auf sozialen Themen, da die Straßenzeitung laut Satzung des Vereins dazu dienen soll, auf die Schwierigkeiten von Menschen in sozialen Notlagen aufmerksam zu machen. Zwar werden darin ausdrücklich nur Arbeitslose und Wohnungslose genannt, doch berichten wir auch immer wieder über Menschen mit Behinderungen, Diskriminierung, Rassismus, Alleinerziehende, Wohnungsnot, Kinderarmut, Altersarmut, Niedriglöhne und viele weitere aktuelle und gesellschaftlich relevante Themen.

Dass Straßenzeitungen nur von Obdachlosen verkauft werden, ist übrigens ein Klischee. Ganz im Gegenteil versuchen Straßenzeitungen, ihre Verkäufer*innen aus der Obdachlosigkeit zu befreien oder sie davor zu bewahren.

Wirklich obdachlos in dem Sinne, dass sie auf der Straße leben, ist nur ein geringer Teil unserer Verkäufer*innen. Beispielsweise bleiben unsere aus Osteuropa anreisenden Verkäufer*innen für gewöhnlich zwei bis drei Wochen, bis sie zu ihren Familien zurückkehren. Von ihnen schlafen einige im Freien, einige in ihrem Auto und andere bei Freunden oder Verwandten. Sie sind also zeitweise obdach- oder wohnungslos. Unter unseren Verkäufer*innen waren und sind aber auch Arbeitslose, Menschen mit einer Erkrankung oder Behinderung, Geflüchtete, Rentner*innen und Geringverdiener. Allen gemein ist, dass sie es auf dem regulären Arbeitsmarkt schwer haben und ihnen der Straßenzeitungsverkauf eine Chance bietet, Geld zu verdienen. Dabei stellt Trott-war ihnen frei, ob, wann und wie viel sie verkaufen – so können auch Menschen, die beispielsweise wegen einer Erkrankung immer wieder für längere Zeit ausfallen, nach eigenem Ermessen wieder einsteigen. In einer Festanstellung auf dem regulären Arbeitsmarkt wäre dies unmöglich. Fest angestellt sind derzeit nur sieben Verkäufer, die wenigstens 500 Ausgaben verkaufen müssen, um ihre Stelle mitzufinanzieren – der übrige Anteil ihres Lohns wird durch Spenden und Verkäuferpatenschaften finanziert. Sie sind nicht mehr von Sozialleistungen abhängig und zahlen Sozialversicherungsbeiträge und Steuern. Zudem erhalten sie bei Bedarf weitere Unterstützung, zum Beispiel für Zahnersatz oder Brillen.

Trott-war-Theater-Team ttt

Als erstes Nebenprojekt zur Straßenzeitung entstand 2004 das Trott-war-Theater-Team ttt, das ursprünglich nur ein kleines Stück zur Feier des zehnjährigen Bestehens der Straßenzeitung aufführen sollte. Danach löste man das Ensemble aber anders als geplant nicht auf, sondern übte weitere Stücke ein.

Das Ensemble besteht sowohl aus Laienschauspielern aus dem mittlerweile großen Freundeskreis von Trott-war als auch aus einigen Kollegen aus den sozialen Projekten des Vereins. Vor allem letztere profitieren aus der Theaterarbeit und der Anerkennung, die ihnen nach der erfolgreichen Aufführung entgegengebracht wird – Anerkennung, die sie bis dahin oft vermisst haben.

Mittlerweile wurden sechs Stücke zur Bühnenreife gebracht und aufgeführt, derzeit „Bezahlt wird nicht“ von Dario Fo. Das nächste Stück wird gerade ausgewählt.

Alternative Stadtführung

Die alternative Stadtführung wurde 2006 aus der Traufe gehoben. Sie führt die Teilnehmer*innen und Teilnehmer zu den sozialen Brennpunkten und sozialen Einrichtungen entlang der Hauptstätter Straße Stuttgarts, wo auch Trott-war eine Zeit lang seinen Sitz hatte. Hauptberuflicher Stadtführer ist Thomas Schuler, der während der Führung auch über seine Vergangenheit als obdachloser Alkoholiker und den Verein Trott-war berichtet. Der große Erfolg des Projektes ermöglicht Trott-war seit 2008, ihn in Vollzeit als Stadtführer zu beschäftigen. Gelegentlich vertreten wird er von Doris Walter, die sich dadurch etwas zu ihrer Rente hinzuverdient.

Spende Dein Pfand

2013 gründete sich am Flughafen Stuttgart das Trott-war-Projekt Spende Dein Pfand. Dort und an über 50 weiteren Orten sammeln Trott-war-Mitarbeiter*innen Pfandflaschen und finanzieren damit ihre eigenen Stellen größtenteils selbst. Allein im vergangenen Jahr konnten 609.984 Plastikflaschen dem Recycling zugeführt und fünf sozialversicherungspflichtige Stellen geschaffen werden.

Die Idee dazu hatte Enactus Hohenheim, eine Studenteninitiative, die nachhaltige Geschäftsideen entwickelt und an mehreren Hochschulen tätig ist. Die Betreibergesellschaft des Stuttgarter Flughafens hatte sich mit dem Problem an sie gewandt, dass professionelle Pfandsammler in ihren Hallen in Streit geraten waren und sich mitunter sogar handfeste Auseinandersetzungen lieferten.

Als Kooperationspartner konnten Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland und Trott-war gewonnen werden. Derzeit beschäftigt Trott-war fünf Männer im Pfandprojekt, die als Suchtkranke, Geflüchtete, Einwanderer und wegen gesundheitlicher Einschränkungen auf dem regulären Arbeitsmarkt nur schwer eine Stelle finden würden.

Grabfürsorge

Oft kommt es vor, dass in Armut verstorbene Mitmenschen auf Geheiß der Behörde eingeäschert und anonym bestattet werden. Um den sozial benachteiligten Mitarbeite*rinnenn und Mitarbeitern, die in den Projekten Trott-wars beschäftigt sind, trotz Armut eine menschenwürdige Bestattung zu ermöglichen, wurde 2008 die Grabfürsorge gegründet. Ihrem eigenen Wunsch oder dem ihrer Angehörigen entsprechend wurden dort bisher neun von ihnen nach einer Trauerfeier in der Trott-war-Grabstätte auf dem Hauptfriedhof Stuttgart in Urnen beigesetzt. Die Kosten dafür tragen Trott-war und Ehrenamtliche.

Trott-art

Das jüngste Kind unter den Trott-war-Projekten ist das Kunstprojekt Trott-art. Es bietet sozial benachteiligten Menschen die Möglichkeit, Kunst zu schaffen und zu vermarkten. Trott-art organisiert dafür Malerei-, Graphik- und Bildhauerkurse mit erfahrenen Lehrer*innen, Ausstellungen in der eigenen Galerie und Versteigerungen. Ebenfalls zu sehen und zu ersteigern sind sozialkritische Werke, die befreundete Künstler geschaffen haben. Die Einnahmen finanzieren weitere Kunstprojekte und in fernerer Zukunft hoffentlich ein Wohnprojekt für obdachlose und von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen.

Darüber hinaus bietet Trott-war allen sozial benachteiligten Mitarbeiter*innen ein tägliches Frühstück, eine Kleiderkammer, die Vermittlung von weiteren Sachspenden, Zuschüsse zu medizinischen Hilfen (wie Zahnersatz, Rollatoren und Sehhilfen), die Vermittlung von Wohnungen im Rahmen eines Wohnprojektes, eine Sozialberatung, die beispielsweise bei Anträgen, Bewerbungen oder Behördenbesuchen unterstützt, sowie Mitsprache beispielsweise bei Gestaltung und Inhalt der Straßenzeitung. Zudem dient ihnen die Straßenzeitung im Sinne des Vereinszwecks auch als Sprachrohr. So können sie eigene Beiträge einreichen oder Offene Briefe veröffentlichen, und wenigstens einer von ihnen wird in jeder Ausgabe portraitiert und kommt dabei auch in O-Tönen zu Wort.

Wie kannst Du dich bei Trott-war engagieren?

Deine Möglichkeiten, Trott-war zu helfen, sind vielfältig:

  • Die Stellen und Projekte für sozial benachteiligte Menschen werden ganz oder teilweise über Spenden und Sponsoren finanziert. Daher benötigten wir immer Hilfe bei den Themen Fundraising, Spendenakquise, Sponsorensuche und Corporate Social Responsibility.
  • Vertrieb, z. B. Suche nach Vertriebs- und Geschäftspartnern für die Straßenzeitung oder das Pfandprojekt
  • Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, Social Media
  • Anzeigenakquise und die Homepage
  • Verwaltung
  • Verfassen von journalistischen (!!!) Artikeln für die Straßenzeitung, den Blog und Social Media
  • Crossmedialer Content; Schreiben, Fotografieren oder Filmen für Beiträge in der Straßenzeitung, den Blog und Social Media
  • Korrektorat
  • Akquise von Kunstwerken und Künstlern für das Kunstprojekt Trott-art
  • Erdenken, Planen und Durchführen weiterer Projekte
  • Suche von Kooperationspartnern für gemeinsame Projekte

Darüber hinaus sind wir immer offen für Vorschläge.

Engagiere Dich jetzt bei Trott-war e.V. !

Über den Autor

Nico Nissen ist festangestellter Redakteur des mildtätigen Vereins Trott-war e. V. Der studierte Historiker ist dort als Chef vom Dienst für Projektmanagement und Produktion der Straßenzeitung Trott-war verantwortlich sowie mit einigen Kollegen zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, Online- und Social-Media-Redaktion, Fundraising, Ehrenamtlichenbetreuung und einiges mehr. („Die Firma ist klein und hier muss jeder mal alles machen.“) Zudem ist er der Datenschutzbeauftragte des Vereins und spielt im Trott-war-Theater-Team ttt mit.

Das Foto des Autoren ist von Silvia von Koch.