Tom ist Geschäftführer von GoVolunteer und Gründer von HiMate. In der  “Social Entrepreneurship”-Kolumne teilen er und GoVolunteer-Gründer Malte Erfahrungen beim Aufbau eines sozialen Startups und Tipps für angehende Gründer*innen. Im folgenden Beitrag beschreibt Tom seine Erfahrungen als Führungspersönlichkeit in einem partizipativen und werteorientierten Organisation.

Ich bin Minimalist! Gefühlt hallt einem dieser Ausspruch heute an jeder 6. Straßenecke um die Ohren. Von Orten wie Berlin Mitte und Instagram ist der Trend zum Verzicht mittlerweile nicht mehr wegzudenken und auch Netflix liefert gefühlt monatlich eine neue Doku zum Thema. Der Erfolg des Konzepts ist jedoch kein Zufall. Schließlich liefert Minimalismus theoretisch Antworten auf die großen sozialen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Er ist vielleicht unsere letzte Hoffnung im Kampf gegen grenzenlosen Konsumwahn, hohe Cholesterinwerte, Umweltverschmutzung und Selbstzweifel einer ganzen Generation von Millennials, denen der Überfluss mittlerweile den Lebenssinn aufzufressen scheint. Auch ich zähle zu den Menschen, die am liebsten gar nichts besitzen würden. Eigentum verliert an Wert, es nervt beim Umzug und verstaubt.

Doch im Minimalismus steckt mehr als das materielle Weniger. Er bedeutet nicht perfekt designte Altbauwohnungen mit Rennrad an der Wand und Apple auf weißem Designertisch vor weißer Wand. Minimalismus bedeutet vielmehr Fokus auf Wert. Das geht im Hype manchmal unter. Ich kenne langjährige radikale Minimalisten mit Filmsammlung im Wohnzimmer. Minimalismus hört nicht beim Verzicht auf Materielles auf; er muss diesen Verzicht auch nicht notwendigerweise beinhalten – auch wenn hier ein sinnvoller Anfang liegt. Am Ende ist Minimalismus eine Lebensweise, die sich auf Wertstiftendes im Leben begrenzt. Das können Gegenstände sein. Noch öfter sind es Kontakte, Beziehungen, Erfahrungen und Gesundheit.

Ein weiteres, gerade in der Unternehmer- und Start-Up-Szene ähnlich erfolgreiches Buzzword wie Minimalismus, ist Leadership. Seit Bestseller wie „Reinventing Organizations“ auf den Markt gekommen sind, wird dieser besonders durch die „New Work“-Welle geprägt. Immer mehr Unternehmen versuchen sich mehr oder weniger erfolgreich an der Abschaffung von Hierarchien, Flexibilisierung von Arbeit und der Mission maximaler Transparenz.

New Work verändert Leadership. Die Big Bosses haben ausgedient, gefragt sind Moderatoren, Unterstützer und Enabler – Coaches. Eine Chefin soll heute keine mehr sein. Sie soll keine Ansagen mehr machen; sie muss auch nicht mehr alle Lösungen kennen. Vielmehr muss sie erkennen, wie fachliche und soziale Potentiale im Team möglichst sinnvoll kombiniert und für das Unternehmen genutzt werden. Bei HiMate und GoVolunteer arbeiten wir stark nach diesem Prinzip. Wir vertrauen gegenseitig auf das Potential unserer Mitarbeiter*innen. Wir geben Verantwortung ab und übernehmen sie gleichermaßen im gesamten Team.

In meiner Rolle als Gründer und Geschäftsführer hat mir Minimalismus sehr geholfen, meinen Platz in diesem Konstrukt zu finden. Denn Leadership bedeutet hier oft, sich zurückzunehmen. Das will gelernt sein. Schließlich ist man es als Gründer gewohnt, gewollt oder nicht, die gefragteste Person im Haus zu sein. Man sammelt (im Erfolgsfall) die Lorbeeren ein und darf entscheiden, wo es langgeht.

Konzepte wie New Work können hiermit im schlechtesten Fall hoffnungslos kollidieren, gerade dann, wenn sich das berüchtigte Gründer-Ego einschaltet. Im besseren Fall regen sie Gründer zur Veränderung ihres Führungsstils an – zum Vorteil des Unternehmens.

Heute beobachte ich mehr, höre zu. Möchte ich eine Idee im Team umsetzen, schlage ich vor und erkläre. Das Team gibt Feedback und entscheidet dann zusammen. Ich habe mir so angewöhnt, mehr Zeit damit zu verbringen, Hintergründe zu erklären und dadurch Verständnis für Entscheidungen und Ideen zu erzeugen. Überzeuge ich das Team, ist es motiviert – der vielleicht größte Wert, den ich in meiner Rolle stiften kann.

Gleichzeitig habe ich gelernt, mich bei vielen Themen zurückzunehmen und meine Energie stärker zu fokussieren. Ich muss nicht grundsätzlich in vorderster Reihe stehen, den Ton angeben und alles wissen; ich muss auch nicht alles entscheiden. Stattdessen kann ich Teammitgliedern mit meiner Erfahrung helfen, sich zu entwickeln und selbst in eine Leader-Rolle zu wachsen. Dieser Fokus entlastet. Und er schafft Raum – für Kreativität, Inspiration und Ausgleich. Am Ende habe ich dadurch mehr Energie und bin für das Unternehmen wertvoller.

Das Konzept Minimalismus kann helfen, einen modernen Leadership-Stil erfolgreich umzusetzen. Es hilft in der Praxis, Wert für sich persönlich zu ergründen und zu definieren. Im Arbeitskontext kann Minimalismus gewinnbringend in ein soziales Konstrukt (Team) eingebracht werden. Die Aussage „Ich bin Minimalist“ ist somit mehr als ein Statement gegen den Materialismus. Im Unternehmen ist sie vielmehr Ausdruck und Grundlage für gesündere, nachhaltigere und effektivere Zusammenarbeit.

Thomas Noppen CEO GoVolunteer

Über den Autor:

Tom ist Geschäftsführer von GoVolunteer und Gründer von HiMate. Durch seine langjährige Erfahrung als Gründer einer deutschlandweiten Organisation kennt er sich besonders in den Bereichen Leadership, Social Entrepreneurship und Community-Building aus und unterstützt freiberuflich soziale Startups, Non-Profit-Organisationen und öffentliche Institutionen als Experte und Speaker.

Tom hat in den Niederlanden und Kanada Europarecht, Politik und Wirtschaft studiert und kommt gebürtig aus Aachen.