Warum sollten wir Parteien nicht als Hebel verachten, um gesellschaftlich etwas zu verändern? Wie organisiert sich eine Partei? Wie fühlt sich ein Wahlkampf an? Und was kann ich als junger Mensch da machen? Sophia ist 2017 bei Bündnis 90/Die Grünen eingetreten und erklärt euch im Blog, wieso.

Wenn du dich für GoVolunteer interessierst, glaubst du wahrscheinlich, dass Ehrenamt eine gute Sache ist und dass wir unsere Gesellschaft mitgestalten sollten. Vermutlich bist du sogar selbst als Freiwillige*r unterwegs, denn rund die Hälfte aller Deutschen engagieren sich für Vereine, Verbände oder gemeinnützige Organisationen. Besonders viele Aktive (54 %) sind dabei jünger als 20. Die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen engagieren sich in Sportvereinen, Musik- und Theatergruppen oder Kirchen. Ganz weit unten auf der Liste: politische Parteien – nur 5 % der engagierten Deutschen unter 33 sind hier aktiv. Ich glaube, das ist ein Problem.

3 gute Gründe, bei Parteien mitzumachen

1. Politische Parteien gehören zu den Haupttreibern sozialen Wandels

Politische Parteien haben in demokratischen Gesellschaften verschiedene Funktionen: Sie sammeln gesellschaftliche Interessen und drücken diese aus. Sie entwickeln politische Programme. Sie setzen sich für eine Beteiligung der Gesellschaft an der Demokratie ein. Sie organisieren Regierungen. Außerdem tragen sie zur Legitimation des politischen Systems bei, indem sie Bürger*innen, zivilgesellschaftliche Gruppen und die Staatsorgane miteinander vernetzen.

Politische Parteien haben also einen großen Einfluss auf die öffentliche Debatte. Darüber hinaus können sie Politik ganz praktisch verändern, insbesondere wenn sie an Regierungen beteiligt sind. Somit liegt in ihnen ein großes Potenzial für sozialen Wandel. Dieser wird laut einer Studie nämlich durch 5 Hebel ermöglicht: lokale, soziale Initiativen (wie z.B. Die offene Gesellschaft), disruptive Technologien, Daten und wissenschaftliche Erkenntnisse, Veränderungen der öffentlichen Wahrnehmung sowie Politikwandel. Parteien haben auf die letzten beiden Punkte einen direkten Einfluss.

2. AfD, Brexit, Trump & co. – Rechtspopulismus ist in allen politischen Systemen angekommen

Seit ein paar Jahren können wir beobachten, wie sich Rechtspopulismus in der Politik immer weiter etabliert – auch in Europa. Bei der Europawahl 2019 werden rechtspopulistische Parteien voraussichtlich 165 Sitze (20,7 %) erlangen.

Ihre Rhetorik funktioniert dabei in der Regel so, dass sie ein Gefühl von „die“ und „wir“ schaffen. Die Trennung in Inländer und Ausländer wiegen dabei bei allen rechtspopulistischen Gruppen besonders schwer. Zum Beispiel in den USA können wir aber auch beobachten, wie Donald Trump die „Arbeiterklasse“ gegen die „politische Elite“, aber auch gegen die Medien ausspielt. Die AfD trennt gerne in „lügnerische/verträumte Intellektuelle“ und „besorgte Bürger*innen“ – in Bezug auf die Klimakrise, Migration und viele weitere Themen.

Die Gründe für den Aufschwung des Rechtspopulismus sind vielfältig. Es wird viel über Rassismus, die wirtschaftlich und kulturell „Abgehängten“ und Filterblasen diskutiert. Eine zusätzliche Idee ist, dass die etablierten Parteien lange Zeit keine klaren Visionen für die Zukunft der Gesellschaft formulieren konnten. Dies könnte es Anti-Establishment-Parteien leichter gemacht haben, Aufmerksamkeit zu erlangen und Protestwähler*innen anzuziehen. Denn in vielen Fällen erreichen rechtspopulistische Parteien ehemalige Nichtwähler*innen. Und auch wenn es an dieser Stelle weh tut: Dass so viele Menschen wie möglich wählen gehen, ist ein Ziel der Demokratie.

Wie kann man also mit Menschen umgehen, die rechtspopulistische Parteien unterstützen? Die Hauptsache ist: ihnen nicht zu erzählen, für wie dumm man sie hält. So werden genau die gesellschaftlichen Gräben tiefer, die Populisten ausnutzen. Es kann helfen, sich ihren Standpunkt anzuhören und dann klar zu sagen, dass man die Lage eklatant anders sieht und beispielsweise rassistische Beleidigungen nicht toleriert. Wer mit der Absicht die Meinung des Anderen ändern zu wollen, in ein solches Gespräch geht, erreicht man oft nur das Gegenteil. Wir müssen Werte wie Respekt und freie Meinungsäußerung hochhalten, insbesondere wenn unser Gesprächspartner es nicht tut.

Im Klartext heißt das: Wir können und sollten vermutlich nicht viel gegen die Wähler*innen populistischer Parteien tun. Allerdings können wir systematisch gegen ihre Anführer*innen arbeiten, mit klarer Kante gegen deren Hetze, Lügen und Blockaden verfahren. Ein systematisches Vorgehen verlangt jedoch, sich zu organisieren – und im politischen System sind Parteien das naheliegende Mittel, um Rechtspopulisten auf allen Ebenen und in allen Parlamenten zu konfrontieren.

3. Junge Menschen mischen sich zu wenig in die Demokratie ein

An der Europawahl 2014 haben nur 28 % der Europäer*innen unter 25 teilgenommen. Das Durchschnittalter von Wähler*innen in Europa liegt bei 50, das von Parteimitgliedern bei 52 Jahren. Mal ehrlich: Wie soll unter diesen Voraussetzungen Politik für unsere Zukunft entstehen? Wir müssen uns einmischen und uns an der Demokratie beteiligen, wenn unsere Interessen gehört werden sollen. Die Fridays for Future-Bewegung macht momentan wunderbar vor, wie politischer Aktivismus geht – aber es muss auch Erwachsene geben, die dementsprechend wählen und die Gesetze vorschlagen, die diesem Aktivismus entsprechen.

Kein Bock auf Parteiarbeit?!

Hier eine Liste der Vorurteile, die ich gegenüber Parteiarbeit hatte – und die der Grund waren, warum ich jahrelang einen großen Bogen darum gemacht habe: Ich hatte Angst vor Frustration (keine Wirkung, langwierige Prozesse), ich hatte Angst vor Desillusionierung, ich hatte das Gefühl nicht genug Fachwissen zu haben, ich hatte Angst dafür soziale oder ideologische Kompromisse eingehen zu müssen, ich hatte Angst als junger Mensch nicht ernst genommen zu werden. Ich hatte Angst Fehler zu machen.

Aber ich hatte auch Hoffnung. Hoffnung aus meiner „Bubble“ rauszukommen. Hoffnung einen Einfluss zu haben und etwas gegen Populismus zu tun. Hoffnung meine Stärken zu nutzen und viel Neues zu lernen. Hoffnung ein neues Netzwerk an Leuten kennenzulernen, die ähnlich ticken wie ich. Hoffnung Demokratie wirklich zu verstehen und aktiv an ihr teilzunehmen.

In meinem Fall haben sich die Ängste zum allergrößten Teil nicht bewahrheitet, die Hoffnungen dafür schon. Ich bin echt positiv überrascht und froh, dass ich mich für den Parteieintritt entschieden habe. Aber natürlich ist das ein sehr individueller Prozess, der auch von Partei zu Partei und Verband zu Verband unterschiedlich ist. Mein wichtigster Tipp ist deshalb: Macht euch mit den Grundwerten verschiedener Parteien vertraut und schaut euch Parteiarbeit dann einfach mal an. Die allermeisten Veranstaltungen sind öffentlich und werden online bekannt gemacht. Sucht euch ein Treffen raus, geht hin und diskutiert mit – so bekommt ihr am schnellsten raus, ob ihr euch wohlfühlt. Ein Sternchen kriegt ihr von mir, wenn ihr euch vorher oder nachher mit mindestens einer Person unterhaltet!

So kann man sich bei Parteien engagieren

Was kann man bei so einer Partei eigentlich machen? Es geht jedenfalls nicht nur ums Plakate kleben. Sobald man Parteimitglied wird, wird man grundsätzlich dem Kreisverband oder Ortsverband zugeordnet, in dem man lebt. Hier wird Lokalpolitik besprochen, werden Feste und Veranstaltungen in der Gegend unterstützt und im Wahlkampf zum Beispiel das Pubquiz oder die Tür-zu-Tür-Aktionen geplant. Und dann geht es auf die Straße – wo man mit Menschen ins Gespräch kommt, mit denen man sich sonst niemals austauschen würde. Und glaubt mir: Das ist immer wieder verblüffend und macht wirklich Spaß! Generell geht es auf lokaler Ebene um direkte Ergebnisse. Hier engagiert sich, wer sofort anpacken möchte.

Darüber hinaus gibt es auf Ebene des Bundeslandes Arbeitsgruppen (AGs), die sich mit spezifischen Politikfeldern und Interessen beschäftigen – hier als Beispiel die Liste des Landesverbands Berlin von Bündnis 90/Die Grünen. Ich engagiere mich zum Beispiel in der AG Europa. Dort treffen wir uns alle zwei Wochen mit Expert*innen zu bestimmten europapolitischen Themen, diskutieren sie und arbeiten an Papieren. So haben wir zum Beispiel am Europawahlprogramm mitgearbeitet. Die Arbeit ist fachlich und eher abstrakt, im Europawahlkampf organisieren wir aber auch eigene Straßenaktionen. Außerdem gibt es Jugendorganisationen wie die Grüne Jugend, die sich insbesondere um die Interessen von Jugendlichen kümmern und lokale Hochschulgruppen, die die Interessen der Studierenden diskutieren.

Schließlich haben alle etablierten, deutschen Parteien angegliederte Stiftungen, die die Arbeit der Parteien evaluieren und Studien zu parteinahen Themen durchführen. Diese Stiftungen bieten außerdem eine Vielzahl an kostenlosen Veranstaltungen und Seminaren an, bei denen man als Interessierte*r super viel lernen kann – egal ob Parteimitglied oder nicht. Gleiches gilt für Events der Bundesverbände. All diese Veranstaltungen sind jedoch oft in Berlin angesiedelt.

Let’s get this party started

Egal ob ihr nun motiviert seid, die nächste Angela Merkel zu werden oder nicht – vielleicht versteht ihr jetzt, warum nicht nur die AfD, sondern seit 2016 vor allem die SPD, Grünen, Linken und FDP zum Teil rasantes Mitgliederwachstum vermelden. Es bewegt sich was in Deutschland, das ist ein gutes Zeichen für die Demokratie! Denn sie muss jeden Tag gestaltet werden, wir können uns nicht auf ihren Errungenschaften ausruhen.

Deswegen: Bitte gib bei der Europawahl am 26. Mai deine Stimme für ein friedliches und solidarisches Europa ab. Es braucht dich!

Über die Autorin

Sophia hat an der TU Berlin im Master Innovation Management and Entrepreneurship studiert und ihre Masterarbeit über die Auswirkungen des Brexit auf Innovationen geschrieben. Sie ist seit 2017 bei Bündnis 90/Die Grüne aktiv und ist stellvertretende Sprecherin der Landesarbeitsgruppe Berlin-Brandenburg zum Thema Europa.