Man muss Diskriminierung von Frauen und Diskriminierung im Allgemeinen nicht hinnehmen, sondern kann etwas dagegen unternehmen! Damit dabei nicht jede*r für sich alleine ist, müssen wir offen über Diskriminierung sprechen. Denn Feminismus ist für alle Menschen ein Thema und jede*r kann etwas für die Gleichberechtigung der Geschlechter tun.

Über ihre Erfahrungen von Diskriminierung im Alltag haben wir uns mit Berit unterhalten, die das Team Partnership bei GoVolunteer leitet. Ihre perspektive auf Feminismus ist keine berufliche, sondern eine alltägliche. Durch ihr Studium ist sie jedoch mit feministischen Theorien vertraut und beschäftigt sich nun weiterhin mit vielen Formen der Diskriminierung. Wir sprechen mit Berit darüber, welche Formen von Diskriminierung es in ihrem Alltag gibt, wie sie sich anfühlt und wie man sich dagegen engagieren kann.

GoVolunteer: Ist Feminismus für dich im Alltag ein Thema? Wann merkst du, dass du Feminismus brauchst?

Berit: Obwohl ich sehr privilegiert aufgewachsen bin, vergeht kein Tag, in dem ich keine Gespräche darüber habe, was es denn bedeutet eine Frau* zu sein, welche Erwartungen und Herausforderungen damit einhergehen. Mein Geschlecht berührt tatsächlich fast jeden Aspekt meines Alltags: Was ziehe ich an beim Feiern, um möglichst wenig Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen? Wie verhalte ich mich, wenn mir ein Thema nah am Herzen liegt, um nicht als hysterisch und emotional bezeichnet zu werden? Warum kann ich ohne Probleme über meine Kopfschmerzen nach einer wilden Nacht sprechen aber nicht von Menstruationsbeschwerden, die mich einmal im Monat überrennen?

GoVolunteer: Diskriminierung ist für Außenstehende nicht immer offensichtlich. Kannst du insbesondere Männern, die seltener von Sexismus betroffen sind, näher bringen, wie eine solch nicht unmittelbar einsehbare Diskriminierungn aussehen kann?

Berit: Diskriminierung hat immer etwas mit Machtverhältnissen zu tun und Macht wirkt sich oft auf struktureller Ebene aus. Diese Strukturen sind oft nicht greifbar oder leicht wahrzunehmen. Leider haben Frauen in unserer Gesellschaft immer noch weniger Chancen und Einfluss. Dabei geht es beim Thema Feminismus viel weniger, um den Kampf gegen die Diskriminierung der Frau – und oft fälschlicherweise verstanden als ein Kampf gegen Männer. Es geht vielmehr, um das konstante Hinterfragen, was diese Geschlechterrollen für Auswirkungen haben und dort anzusetzen, wo es Menschen einschränkt, verletzt oder sogar tötet. Dabei müssen wir Weiblichkeit genau so wie Männlichkeit hinterfragen. Ist ein Mann weniger Mann, wenn er sich schminkt? Und muss eine Frau im Spagat zwischen Familie und Nachwuchs leben?

GoVolunteer: Über das Gendern der Sprache wird viel geredet. Kannst du uns etwas über Diskriminierung von Frauen in der Sprache und deren Folgen sagen?

Berit: Sprache ist unglaublich wichtig im Zusammenleben mit Anderen. Ich persönlich finde es angenehm, zu betonen, dass es Ärzte und Ärztinnen gibt. Obwohl ich verstehen kann, dass manche Wörter zuerst schwierig über die Lippen kommen. Aber das sich Sprache zu Gute der Inklusion aller Menschen verändert, finde ich nur positiv. Das ist übrigens ein sehr deutsches Problem, denn andere Sprachen sind viel neutraler.

Ebenso wichtig finde ich, darauf zu achten, wie wir mit unserer Sprache die Bedeutung von Situationen beeinflussen. Ein ganz einfaches Beispiel wäre der Begriff “Working Mom”. Das impliziert, dass die Mütter,die zusätzlich zum Kind keinen Job haben. gar nicht arbeiten, Tatsächlich arbeiten aber doch alle Eltern und zwar ganz schön viel – an Kindern, die unsere Zukunft sind- und dafür werden sie nicht einmal bezahlt.


Im Englischen gibt es einen Wortwitz: “A father and his son are in a car accident. The father dies at the scene and the son is rushed to the hospital. At the hospital the surgeon looks at the boy and says „I can’t operate on this boy, he is my son.“ How can this be?”. Merkste wat?


GoVolunteer: Du bist ständig im Austausch mit vielen gemeinnützigen und sozialen Projekten. Was erlebst du dabei, das dir Hoffnung macht?

Berit: Die grundsätzliche Offenheit. Es gibt so unterschiedliche Menschen, die sich in sozialen Projekten engagieren. Jedes Herz schlägt für etwas anderes. Und dennoch, wenn die Menschen zusammen kommen, erkennt man oft die grundlegende Motivation, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Und das wird rundum respektiert, egal, wofür Du dich persönlich einsetzt.

GoVolunteer: Hast du Tipps für Frauen und Männer, die sich für Feminismus und Gleichberechtigung engagieren wollen? Was ist das wichtigste?

Berit: Für mich war das wichtigste zu erkennen, dass ich kein Opfer der Situation bin und es nicht einfach hinnehmen muss, wenn ich unzufrieden bin. Daraufhin habe ich angefangen viele Bücher zu lesen aber auch Blogs und Instagram-Aktivist*Innen zu folgen, die Informationen teilen. Dadurch verstehe ich meine und auch die gesamtgesellschaftliche Situation besser. Und jetzt suche ich das Gespräch – mit allen, die mit Feminismus nichts anfangen können und auch mit denen, die denken, alle Feministinnen sind Männerhasserinnen. Und so entstehen, manchmal sehr emotionale aber größtenteils wunderbare Gespräche, in denen beide Seiten mehr Verständnis gewinnen. Ich denke, das ist ein Weg, den jede*r gehen kann. Sobald ein Thema gefunden ist, kann man dann auch konkret nach Organisationen suchen, die sich hierfür engagieren zum Beispiel über die Darstellung von Frauen und Sexismus in den Medien. 

Das Interview führte Sebastian Pohl.

Über den Autor

Sebastian ist Praktikant im Communications Team bei GoVolunteer. Nachdem er Philosophie und Psychologie studiert hat, ist er jetzt einer von denen, die neu nach Berlin gekommen sind. Er interessiert sich für Literatur, Debatten, Philosophie – für alles mit Worten und Sprache.

Dieser Artikel ist Teil des Themenmonats zu Feminismus und Gleichberechtigung, der gemeinsam mit der Initiative Wer braucht Feminismus gestaltet wurde. Möchtest Du und Deine Organisation mit uns gemeinsam auf eines unserer Engagement-Themen aufmerksam machen? Melde Dich bei uns: info@govolunteer.com