Die meisten Menschen wissen nicht, dass sie ein Trauma erlebt haben, meint Tom Hupfer. Er arbeitet als Sozialpädagoge und Traumapädagoge und hat gerade in den letzten drei Jahren auch mit jungen Menschen mit Fluchterfahrungen gearbeitet. Wir haben mit ihm über das Thema Trauma aufgrund von Fluchterfahrungen, den Beruf des Traumapädagogen und den Umgang mit traumatisierten Menschen gesprochen. Hier erfährst du, was eigentlich ein Trauma ist, warum Flucht zu Trauma führen kann, wo es Hilfe für Betroffene gibt und wie Du als Laie beim Thema Trauma reagieren kannst:

Trauma und Flucht

Oftmals lesen oder hören wir das Wort Trauma. Immer wieder kommt es auch im Zusammenhang mit Flucht vor. Manchmal fällt es uns dabei schwer den Kontext richtig zu erfassen. Der Traumapädagoge Tom Hupfer erklärt uns, was ein Trauma ist, warum geflüchtete Menschen oft traumatisiert sind und ob es Unterschiede zwischen verschiedenen Traumata gibt:

Was genau ist ein Trauma?

Tom Hupfer:
„Ein Trauma ist ein Erlebnis, ein fürchterliches Erlebnis beim Menschen. Das kann eine Gewalterfahrung sein, das kann aber auch z.B. ein Erdbeben oder eine andere Umweltkatastrophe sein. Es ist ein Erlebnis, das die Menschen in ihren Grundfesten erschüttert ohne dass sie genau wissen, das dieses Ereignis sie traumatisiert hat.
Ein Trauma oder eine Posttraumatische Belastungsstörung ist den Menschen oft gar nicht bewusst. Sie erleben etwas, sehen Bilder, haben Träume, und wissen gar nicht woher diese Träume kommen. Trauma ist eine dermaßen belastende Situation, dass es sich sofort im Ultralangzeitgedächtnis abspeichert. Die Menschen wissen nicht, dass sie ein Trauma erlebt haben, sie wissen, dass sie eine Situation erlebt haben, aber nicht das sie traumatisiert sind.
Traumata können sich sehr unterschiedlich äußern: durch Flashbacks, das heißt Menschen erleben eine Situation bildhaft, also in Träumen oder kurzen Bildern immer wieder. Durch ein Posttraumatischen Belastungssyndrom, das heißt Schlaflosigkeit, Unruhe oder auch Wesensveränderung, teilweise sogar massive Wesensveränderungen.”

Was kann einen Menschen traumatisieren?

Tom Hupfer:
“Es kann alles ein Trauma auslösen, einschneidende und fürchterliche Erlebnisse, wie Gewalterfahrungen, Naturkatastrophen – zum Beispiel der Tsunami damals. Es kann aber auch eine plötzliche Trennung sein. Ein Ehepartner trennt sich von seiner Familie, das kann dann die ganze Familie traumatisieren. Natürlich kann auch Flucht ganz klar zu einem Trauma führen oder Fluchterlebnisse. All das sind Sachen, die die Menschen traumatisieren können. Kriegserlebnisse natürlich auch.”

Warum führt Flucht zu Trauma?

Tom Hupfer:

 „Ein Trauma ist immer ein einschneidendes Erlebnis. 80% der Geflüchteten die zu uns kommen, leiden an einem Trauma, so in etwa, das ist eine realistisch geschätzte Zahl. Die Umstände der Flucht können traumatisieren, z.B. Kinder werden nachts aus dem Schlaf gerissen, weil sie mit ihren Eltern dringend flüchten müssen. Die Erfahrungen auf der Flucht, Verlassenheitsängste, die Angst z.B. die Eltern zu verlieren oder bei den Eltern die ständige Angst ihre Kinder zu verlieren, das Hineinkommen in Schleusergruppen, die nicht ehrlich sind. Bei Frauen auf der Flucht, die alleine sind, ist auch immer die Gefahr der Gewalt und der sexualisierten Gewalt da. Ständig neue Menschen um sich herum, das Gewohnte verlassen, Hunger Kälte, Laufen, weite strecken Laufen, Überforderung, immer die Angst haben erwischt zu werden.“

Gibt es Unterschiede zwischen einem Trauma aufgrund der Flucht und anderen Traumata?

Tom Hupfer:
“Natürlich. Als Beispiel, ein Tsunami, eine Umweltkatastrophe, die ein Trauma auslöst ist ein ganz anderes Trauma als ein Trauma durch Flucht, weil wenn ich auf der Flucht bin und sicher angekommen bin, z.B. hier in Deutschland lebe, dann bin ich erstmal sicher, dann kann mir nichts mehr passieren. Dann kann ich als Geflüchteter an dem Trauma arbeiten und ich weiß, ich bin hier sicher und mir kann nichts mehr passieren. Bei einem Erdbeben z.B. oder einem Tsunami oder einer anderen Umweltkatastrophe, ist es anders. Dem kann ich nicht entgehen. Es ist egal, ob ich in Deutschland lebe oder auf den Malediven. Das kann immer eintreten. Da bin ich nicht sicher davor. Deswegen kann ich mich da auch nie so sicher fühlen, wie wenn ich nach einer Flucht hier ankomme und weiß ich bin hier sicher, mir kann hier nichts passieren.”

Können geflüchtete Menschen auch mehrere Traumata haben?

Tom Hupfer:
“Natürlich kann es passieren, dass ein Mensch aufgrund des eigentlichen Erlebnisses, wegen dem er flieht, traumatisiert ist und dann auf der Flucht nochmal ein Trauma erfährt. Traumata sind sehr vielschichtig und es gibt die sogenannte Retraumatisierung. Wenn jemand eh schon traumatisiert ist und ein weiteres Trauma erfährt oder ähnliches erlebt. Zum Beispiel sexualisierte Gewalt führt immer wieder zu Retraumatisierungen. Und natürlich kann jemand mehrere Traumata unabhängig voneinander erleiden. Auf der Flucht, z.B. erst Verlust des Partners, dann auf der Überfahrt vorm Ertrinken gerettet, das ist ja auch ein Trauma. Das ist jetzt dramatisch ausgedrückt. Es gibt natürlich auch viele kleine Traumata, aber es ist nicht so, dass man nur ein Trauma haben oder bekommen kann.”

Die Arbeit eines Traumapädagogen

Nachdem wir mit ihm über das Thema Trauma und Flucht allgemein gesprochen hatten, hat uns Tom Hupfer noch von seinem Beruf des Traumapädagogen erzählt und wichtige Erfahrungen mit uns geteilt:

Was ist der Beruf des Traumapädagogen und wo liegen Unterschiede zum Therapeuten?

Tom Hupfer:
“Ein Traumatherapeut arbeitet mit traumatisierten Menschen und versucht mit Hilfe verschiedener Therapieformen deren Trauma zu lösen. Also Menschen die an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Und versucht da zu helfen, dass dieses Trauma aufgelöst wird. Als Traumapädagoge bin ich quasi ein Zwischenbindeglied für Leute, die auf einen Therapieplatz warten und noch keinen haben. Wir Traumapädagogen dürfen keine Traumata lösen, wir unterstützen die Menschen und helfen ihnen mit ihren traumatischen Erfahrungen klar zu kommen. Ich darf keine Traumata bearbeiten, dass heißt ich arbeite mit den Menschen und versuche das Problem herauszubekommen, also woran liegt es.
Ich helfe dann den Menschen zu erkennen, dass sie ein Problem oder Trauma haben und damit im Alltag zurecht zu kommen. Eine Hürde wird das Trauma auf jeden Fall bleiben, ich versuche ihnen das einfach zu erleichtern. Hauptsächlich durch Gespräche, auch durch Problemfindung. Das heißt was ist dein aktuelles Problem? Wir schauen mal genauer hin, was kannst Du machen um dieses Problem zu lösen. Das kann einfach nur ein Gespräch sein, das können Übungen sein, das können auch einfach nur z.B. lange Spaziergänge sein, wo die Leute draußen im Wald befreit atmen können, wo sie sich frei fühlen können, das ist sehr vielschichtig.”

Warum ist der Beruf so wichtig?

Tom Hupfer:
“Der Beruf ist so wichtig, weil Trauma etwas ist, das ganz oft den Menschen nicht bewusst ist, sie haben ein traumatisierendes Erlebnis hinter sich von dem sie selbst nicht wissen, dass es sie traumatisiert hat.
Klar ist auch, Traumata nehmen zu. Durch Gewalterfahrung, durch Unfälle. Viele Menschen, viele Geflüchtete die zu uns kommen, haben Traumata erlebt aufgrund ihrer Flucht aufgrund der Zustände in ihrem Land, aufgrund von Gewalt. Therapieplätze sind auf lange Zeit belegt, das heißt jemand, der oder die eine Traumatherapie macht, muss oft bis zu einem oder 1,5 Jahre warten, bis er oder sie einen Therapieplatz bekommt. Und da ist es ganz gut, wenn man sich an einen Traumapädagogen wenden kann, der einem zumindest ein Stück weit unterstützen kann.”

Gibt es Dinge die Du bei der Arbeit als Traumapädagoge gelernt hast?

Tom Hupfer:
“Ich möchte eine Erfahrung teilen:Ich habe, bevor ich diese Weiterbildung zum Traumapädagogen gemacht habe, schon eine ganze Weile freiberuflich gearbeitet und habe im Nachhinein dann festgestellt, dass wesentlich mehr Kinder und Jugendliche mit denen ich gearbeitet hatte traumatisiert waren, als ich gedacht hatte und habe dann auch gemerkt, wie viel ich auch verkehrt gemacht habe, weil ich Trauma nicht erkannt habe und anders reagiert habe, als ich hätte sollen.“

Gibt es bei Deiner Arbeit Unterschiede zwischen Menschen die aufgrund von Fluchterfahrungen traumatisiert wurden und Menschen mit anderen Traumata?

Tom Hupfer:
“Also grundsätzlich denke ich, sind die Techniken ähnlich. Grundsätzlich unterscheiden sich die Traumata auch nicht immer unbedingt.
Der Unterschied ist, dass die Menschen aus einem ganz anderen Kulturkreis kommen und sich bei uns erst einmal zurechtfinden müssen und schauen müssen – das wird ja auch von ihnen verlangt – dass sie sich anpassen. Da sind dann eher die Schwierigkeiten. Die Menschen sind oft sehr misstrauisch oder auch in unseren Augen verständnislos, warum wir das so machen. Da ist die Schwierigkeit, an diese Menschen heranzukommen und Vertrauen aufzubauen und dann mit ihnen auch arbeiten zu können.
Auch die Sprachbarriere kann ein Hindernis oder Hemmnis sein. Dolmetscher sind zwar oft sinnvoll, aber kosten extra und dann ist da noch eine fremde Person im Raum. Der muss man ja dann auch noch vertrauen.”

Hilfe für Betroffene eines Traumas

Betroffene von Traumata wissen oft nicht, wo sie Hilfe finden. Dabei gibt es viele Anlaufstellen, an die man sich wenden kann. Auch Stellen, die auf den ersten Blick nicht auf Traumatherapie ausgerichtet sind, können helfen oder Hilfe vermitteln.

Wo finde ich Hilfe bei einem Trauma?

Du möchtest Dir selbst Hilfe holen oder kennst jemanden, der Unterstützung sucht? So findet ihr die richtige Anlaufstelle:

Jede sog. “Flüchtlingshilfe” arbeitet mit Ärzten, Psychologen und manchmal auch Therapeuten zusammen. Hier findest Du den richtigen Ansprechpartner. Hier > findest Du eine Übersicht zur Flüchtlingshilfe des DRK.

Jede größere Stadt hat kostenlose Beratungsstellen, zum Beispiel der Diakonie oder der Caritas. Dort findest Du entweder direkt einen Platz oder wirst bei langer wartezeit unterstützt einen anderen Platz zu finden.

Gerade bei Jugendlichen, ist das Jugendamt ein wichtiger Ansprechpartner. Einige Traumapädagogen, wie beispielsweise Tom Hupfer, arbeiten mit dem Amt zusammen und können Dir so erst einmal helfen.

Auch bei Deinem Hausarzt oder anderen Ärzten kannst Du das Thema ansprechen und um Hilfe bitten. Die Ärzte sind meist gut vernetzt und wissen, an wen Du Dich in Deiner Stadt wenden kannst. Meist geben sie Dir gleich eine entsprechende Nummer mit.

Du möchtest das Thema nicht direkt vor Fremden ansprechen oder weißt nicht, an wen Du Dich wenden kannst? Mit der Stichwortsuche im Internet findest Du oft auch schon einen ersten Ansprechpartner. Die passenden Stichwörter sind hier unter anderen: Traumaberatung, Traumahilfe oder Traumatherapie.

Wie kann ich als Laie bei einem Trauma reagieren?

Du hast das Gefühl dein Gegenüber ist traumatisiert und Du möchtest helfen? Das ist meistens gar nicht so einfach. Wir haben mit Tom Hupfer gesprochen, wie man sich als Laie am besten verhält, um jemand traumatisierten unterstützen zu können.
Wichtig ist allerdings, dass Du nicht vorab von einem Trauma ausgehst, nur weil jemand Fluchterfahrungen oder eine Umweltkatastrophe erlebt hat! Solltest Du dennoch einen Verdacht haben oder Dir erzählt jemand von seinem/ihrem Trauma haben wir hier Tipps für Dich:

Dos- So kannst Du helfen

Nur weil Dir jemand von seinem Trauma erzählt oder Du ein Trauma vermutest, ändert das nichts an der Person oder Eurer Freundschaft. Behandle die Person genauso respektvoll und normal wie davor.

Dir ist etwas aufgefallen? Sprich das Thema vorsichtig an. Um zu vermeiden, dass Du jemanden in die Ecke drängst, kannst Du “Ich-Botschaften” nutzen. z.B.: “Mir ist aufgefallen, dass…” oder “Ich finde, dass…”. Wenn dein Gegenüber das Gespräch abblockt oder nicht darauf eingeht, ist es nicht an Dir weiterzureden. In diesem Fall solltest Du der Person erstmal ihre Ruhe lassen.

Du möchtest gerne helfen, weißt aber nicht so Recht wie? Hole jemanden ins Boot der/die sich auskennt. Wichtig ist aber, dass Du das nicht heimlich oder hintenrum tust, sondern jeden Schritt mit der betroffenen Person absprichst. Manchmal kann es auch helfen, solche Dinge schriftlich festzuhalten, um Sicherheit und Kontrolle zu geben.

Wenn Du das Gefühl hast, eine Handlung, ein Blick oder ein Verweis im Gespräch könnte ein Trigger sein, solltest du das in Zukunft vermeiden. Sprich es allerdings nicht an, sondern achte einfach leise für Dich darauf wie Du handelst und sprichst.

Don’ts – Das solltest Du vermeiden

Versuche auf keinen Fall jemanden selbst zu therapieren. durch falsche Herangehensweisen können Traumata verschlimmert oder eine Retraumatisierung hervorgerufen werden.

Manchmal sind die reaktionen traumatisierter Menschen unvorhersehbar oder nicht nachvollziehbar. Zum Beispiel jemand versteckt sich in einer Situation unter einem Tisch. Vermeide es die Person auszulachen oder Dich über ihr Verhalten lustig zu machen.

Oftmals ist unsere erste Reaktion, wenn uns jemand etwas anvertraut oder wir jemandem helfen wollen, die Person in den Arm zu nehmen. Das kann allerdings bei traumatisierten Menschen als Trigger wirken und ihre Angst verschlimmern. Versuche deshalb reflektiert zu handeln und sprich die einzelnen Schritte mit der Person ab.

Dir ein Trauma oder eine Angst zu erzählen, kostet meist Überwindung und bedeutet Vertrauen. Missbrauche dieses Vertrauen nicht, auch wenn es gut gemeint ist. Sprich Dich mit der Person ab und handle nicht hinter ihrem Rücken!

„Geht offen miteinander um, geht nicht übergriffig miteinander um und nehmt euren Gegenüber ernst. Egal welche Reaktion er oder sie zeigt und egal wie abstrus euch das Verhalten vorkommt.“ (Tom Hupfer)

Wie kann ich mich für Geflüchtete engagieren?

Wie Du Geflüchtete in der Coronakrise unterstützen kannst, erfährst Du in unserem Blogartikel >.
Du hast Lust Menschen zu helfen und Dich auch in anderen Bereichen sozial zu engagieren? Auf Govolunteer,com findest du viele tolle Projekte in verschiedenen Bereichen!

Finde jetzt Dein Engagement!