Wenn es darum geht, wie wir uns um eine offenere und diverse Gesellschaft bemühen können, fallen oft Begriffe wie Integration, Assimilation oder Inklusion. Ihre Bedeutung ist aber vielfältig, uneindeutig, teilweise widersprüchlich und von der jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Situation abhängig. Trotz ihrer allgemeinen Verwendung sind einige davon auch umstritten. 

Für den achtsamen Sprachgebrauch ist es deshalb wichtig, die Konzepte hinter den Begriffen mitsamt eventueller Kritik zu verstehen. Wir haben deshalb eine kleine – und keinesfalls erschöpfende – Diskussion der wichtigsten Begrifflichkeiten für Dich erstellt.

Integration

Den Begriff “Integration” hören wir ständig. Die Rede ist dabei zum Beispiel von “gelungener” Integration. Mal wird Integration als erstrebenswert dargestellt, mal das Konzept kritisiert. Dabei ist die Bedeutung des Begriffs nicht unbedingt eindeutig, und verschiedene Einrichtungen wie die Caritas oder der SVR haben ihre eigenen Definitionen von “Integration” aufgestellt.

Im weiten Sinne beschreibt Integration einen Prozess der gesellschaftlichen Eingliederung, bei der vorher voneinander abgegrenzte Gruppierungen in eine größere Gesamtgesellschaft miteinbezogen werden. In Deutschland beispielsweise geht es dabei um einen gesamtgesellschaftlichen Prozess mit dem Ziel, alle Menschen, die dauerhaft in Deutschland leben, in die Gesellschaft mit einzugliedern.

Worin besteht die Kritik am Integrationsbegriff?

Integration wird oft als einseitiger Prozess interpretiert und als Anpassungsleistung von Migrant:innen und deren Nachkommen verstanden. Im Grunde steht damit die Frage im Vordergrund, wie die “Anderen” zum “Wir” werden können.
Die Kritik an einer solchen Verwendung des Begriffs richtet auf genau diese Polarisierung der ‘zu Integrierenden’ und der angeblich gleichen Mehrheitsgesellschaft. Dabei werden aber strukturelle Ungleichheiten und Diskriminierungen ausgeblendet. Außerdem wird die „Nichtintegration“ häufig als Versagen vonseiten der Eingewanderten gewertet, ohne die aufnehmende Gesellschaft kritisch zu betrachten.

Moderne Definition des Integrationsbegriffs

Die Problematik des Integrationsbegriffs liegt hauptsächlich in seiner kontextuellen Verwendung. Aber ist es sinnvoll, den Integrationsbegriff abzuschaffen, wenn die ihm zugrundeliegenden Strukturen erhalten bleiben? Dabei kann Integration auch anders gemeint werden. Das zeigen modernere Herangehensweisen an das Wort. Nach dieser Ansicht beschreibt Integration weniger die Eingliederung einzelner Gruppen in ein großes Ganzes, sondern einen offenen, komplexen Prozess, an dem alle Mitglieder einer Gesellschaft gleichermaßen beteiligt sind und der letztlich eine chancengleiche Gesellschaft anstrebt.

Assimilation

Gesellschaftlich bedeutet Assimilation das Ähnlich-Werden aufgrund von Angleichung und Anpassung verschiedener Gruppen an einen gesellschaftlichen Standard. Dabei wird eine Gesellschaft angestrebt, in der Unterschiede und Ungleichheiten beseitigt sind und die dem Konzept einer postmigrantischen Gesellschaft gegenübersteht. Migrant:innen müssten sich nach diesem Konzept der ‘Aufnahmegesellschaft’ anpassen.

Worin besteht die Kritik am Assimilationsbegriff?

Das Konzept von Assimilation beschreibt einen einseitigen Prozess: Die Minderheitengemeinschaft gibt ihre Merkmale auf und nimmt die der Mehrheitsgesellschaft an. Die Assimilation als Soll anzustreben, übersieht außerdem individuelle Lebensrealitäten. In einer solchen gesellschaftlichen Gleichschaltung würden ethnische Eigenständigkeiten und die Wertschätzung unterschiedlicher Kulturen und Lebensstile aufgegeben werden müssen. Auch setzt das Konzept eine in allen Aspekten gleiche Mehrheitsgesellschaft voraus, die in der Realität aber auch nicht besteht. Schließlich haben unterschiedliche Kulturen und individuelle Lebensstile unsere Gesellschaft schon immer geprägt.

Inklusion

Bei der Inklusion geht es um das Miteinbezogensein, die gleichberechtigte Teilhabe aller an der Gesellschaft. Der Begriff wird besonders häufig benutzt, wenn es um Menschen mit Behinderungen und das Schaffen von Barrierefreiheit geht. Es wird aber auch die Möglichkeit diskutiert, den Integrationsbegriff durch den der Inklusion zu ersetzen. Anders als im Konzept der Assimilation wird hier die Verschiedenheit von Menschen als Normalzustand genommen und deshalb eine Öffnung der Gesellschaft und ihrer Strukturen gefordert. So sollen alle dieselben Chancen und Möglichkeiten bekommen, indem Benachteiligungen ausgeglichen werden. Während es im allgemeinen Verständnis des Integrationsbegriffs mehr darum geht, dass sich die ‘zu Integrierenden’ aktiv an dem Prozess beteiligen, richtet der Inklusionsbegriff die Erwartung eher an die Gesellschaft. Diese sollte sich nämlich um Chancengleichheit bemühen.

Worin besteht die Kritik am Inklusionsbegriff?

Der Begriff der Inklusion wird besonders in der Pädagogik und in Diskursen über Menschen mit Behinderung benutzt. Deswegen kann er nicht so einfach auf in den Kontext von Migration übertragen werden. In seiner aktuellen Verwendung werden Einwander:innen und ihre Nachkommen kaum mitgedacht und damit doch wieder mehr außer Acht gelassen. Außerdem geht der Inklusionsansatz, besonders im Kontext der Barrierefreiheit, davon aus, dass Menschen ihre Chancen durch die Beseitigung aller Hindernisse automatisch nutzen. Diese grundsätzliche Chancengleichheit ist aber zwar notwendig, aber noch nicht alles, was es braucht, um eine Teilhabe an der Gesellschaft zu garantieren.

Migration

Mit Migration ist im aktuellen Sprachgebrauch gemeint, dass Menschen ihren Lebensmittelpunkt über Staatsgrenzen hinweg verlegen. Dabei können einzelne Menschen, aber auch Bevölkerungsgruppen gemeint sein. Das Wort ist Basis für eine Reihe an anderen häufig verwendeten Begriffen wie ‘Migrant:in’, ‘Immigration’ oder ‘Migrationshintergrund’.

Die Problematik mit dem Begriff ‘Migrationshintergrund’

Als Menschen mit Migrationshintergrund werden aktuell Personen definiert, von denen mindestens ein Elternteil oder sie selbst ohne deutsche Staatsbürgerschaft geboren wurden. Das Problem mit dem Begriff ist insbesondere seine Ungenauigkeit: Es findet Diskriminierung dadurch statt, dass sowohl Menschen ohne, als auch mit Migrationserfahrung pauschalisiert und in eine Kategorie geschoben werden. Außerdem wird in der Begriff in der Realität meistens schlicht auf Menschen angewendet, die als nicht ‘weiß’ gelesen werden – unabhängig davon, ob sie per Definition Migrationshintergrund haben oder nicht. Durch den Begriff Migrationshintergrund findet also letztendlich eine Stigmatisierung statt, die keiner verlässlichen Grundlage folgt.

Was Du im Sprachgebrauch beachten solltest

Die Begrifflichkeiten rund um das Thema Migration und Integration sind gar nicht so einfach zu definieren – und sind teilweise sogar problematisch. Das liegt dabei oft nicht unbedingt an dem Begriff und seiner Definition selbst, sondern an seiner Verwendung im Alltag und den damit verbundenen Vorstellungen. Im allgemeinen Verständnis wird mit dem Begriff Integration schließlich vor allem eine Anpassungsleistung von Migrant:innen und deren Nachkommen verbunden, dabei sollte der moderne Integrationsbegriff einen offenen, gemeinsamen Prozess bedeuten.

Wichtig ist es also, bei der Verwendung der Begriffe ihre Implikationen mitzudenken und sie im richtigen Kontext zu benutzen. Dabei hilft es, vorher zu klären, was Gesprächsteilnehmer:innen mit dem Begriff verbinden.

Unsere kleinen Begriffsdiskussionen haben Dir hoffentlich geholfen, die Begriffe und ihre Problematiken besser zu verstehen und Dir Deine eigene Meinung zu bilden. Im Glossar der Neuen deutschen Medienmacher:innen findest du noch ausführlichere Erklärungen zu den Begrifflichkeiten in der Einwanderungsgesellschaft.

Die Thematik einer offeneren Gesellschaft hat Dein Interesse geweckt? Auf GoVolunteer.de findest Du viele Engagementmöglichkeiten, um zu einer offenen und diversen Gesellschaft beizutragen!