Im Rahmen unseres Themenmonats „Obdachlosigkeit“ möchten wir auch hinter die Kulissen schauen. Dafür haben wir mit Lisa Riewe gesprochen. Sie ist gerade am Ende ihres Bachelors für soziale Arbeit in Münster. Außerdem engagiert sie sich dort ehrenamtlich im sozialen Bereich und ist Werkstudentin in einer Einrichtung für wohnungslose Frauen. Wir haben deshalb mit ihr über ihre Arbeit und die Frauen selbst geredet: Denn was ist eigentlich die Arbeit einer solchen Unterkunft, warum sind die Frauen dort und was sind ihre alltäglichen Herausforderungen?

GoV: Liebe Lisa, bei was für einer Einrichtung arbeitest Du?

Lisa: Ich arbeite in einer Einrichtung für wohnungslose Frauen des SkF e.V. in Münster. Die Einrichtung hat verschiedene Angebote für in Not geratene Frauen. Zum Beispiel haben wir die Stelle zur Übernachtung als eine niedrigschwellige Einrichtung für akut wohnungslose Frauen. Hier dürfen die Frauen bis zu sechs Wochen wohnen. In dieser Zeit soll eine Perspektive entwickelt werden, wie es für sie weiter gehen könnte. Es wird ihnen also erstmal bei behördlichen Angelegenheiten und natürlich auch bei der Sicherstellung grundlegender Bedürfnisse geholfen. Danach erst wird an weiteren Zukunftsperspektiven gearbeitet.

Außerdem gibt es das Gertrudenhaus – Eine stationäre Übergangseinrichtung für wohnungslose Frauen mit besonderen sozialen Problemen. Oft werden die Frauen aus der Übernachtungsstelle ins Gertrudenhaus vermittelt. Hier erhalten sie dann regelmäßige Beratung und persönliche Betreuung, Hilfen zur Ausbildung oder bei der Erlangung und Sicherung eines Arbeitsplatzes sowie Unterstützung bei der Beschaffung einer Wohnung.

Zu guter Letzt gibt es dann noch das Frauenwohnprojekt als eine ambulant betreute Wohnform. Die Frauen leben hier in eigenen Mietwohnungen, werden aber noch durch wöchentliche Beratungstermine betreut.

GoV: Okay. Das klingt sehr spannend. Wie bist Du dazu gekommen dort zu arbeiten?

Lisa: Ich hatte während meines Studiums bereits ein halbjähriges Praktikum in einer Tageseinrichtung für wohnungslose Menschen in Spanien bzw. Sevilla gemacht. Damals hatte ich in dem Bereich noch nicht sehr viel Erfahrung. Ich habe mich aber schnell zurechtgefunden und mich unglaublich wohl in der Arbeit mit den Besucher/innen gefühlt. Als ich dann zurück nach Münster gekommen bin, fand ich es für mich persönlich wichtig diese Erfahrungen und das Gelernte nicht einfach so im Sand verlaufen zu lassen. Ich habe mich dann informiert, wie in Münster die Versorgung von wohnungslosen Menschen organisiert ist. So bin ich auf das Gertrudenhaus gestoßen.

GoV: Und was sind dort jetzt Deine Aufgaben und wie gefällt es Dir?

Lisa: Aktuell mache ich in der Einrichtung größtenteils Nachtschichten, da ich noch als Werksstudentin angestellt bin. Nachts sind wir lediglich zu zweit in der Einrichtung. Eine der Nachtbereitschaften ist für die Übernachtungsstelle zuständig und die andere für das Gertrudenhaus. Das ist ja die stationäre Übergangseinrichtung.

In der Übernachtungsstelle geht es oft darum neu ankommende Frauen in das Haus einzuführen. Zu schauen in welchem Zustand sie sind, ob sie ärztliche Versorgung/ Essen benötigen oder ob sie mit jemandem Kontakt aufnehmen möchten etc. Oft werden die Frauen auch von der Polizei oder der Bahnhofsmission an uns vermittelt. Wir sind quasi ständige Ansprechpartnerin für die Bewohnerinnen. Eingreifen müssen wir dann natürlich auch mal bei Streitigkeiten. Da die Frauen dort teils zu viert oder fünft auf einem Zimmer wohnen, ist es oft abzusehen, dass es nicht immer ruhig bleibt. Hier geht es dann um Deeskalation. Das ist nicht immer ganz leicht.

Jetzt im Winter bin ich auch mit zuständig für die Winternothilfe. Die Stadt Münster hat in der Nähe des Kanals einige Container aufgestellt, da durch die Kälte im Winter viele Häuser der Wohnungslosenhilfe überfüllt sind. Hier bin ich jeweils vor und nach meiner Schicht in der Einrichtung, um ebenfalls neue Frauen in Empfang zunehmen und zu schauen ob die Container noch in gutem Zustand sind.

Im Gertrudenhaus, wo die Frauen länger wohnen und ihr eigenes Zimmer haben, ist es meist etwas ruhiger. Oft geht es darum motivierende Gespräche zu führen. Die Frauen bei einem gemeinsamen Kaffee trinken, Spiele-Abend, DVD-Abend etc. zusammenzubringen. Beziehungen zwischen Ihnen zu unterstützen und sie aus ihrer Isolation herauszuholen.

Gefallen tut mir die Arbeit sehr gut. Als angehende Sozialarbeiterin hat sie einen hohen Erfahrungswert für mich, sowohl beruflich als auch persönlich. Die Arbeit führt mir immer wieder vor Augen, dass Obdachlosigkeit einen viel schneller betreffen kann als wir es uns eingestehen wollen. Sie zeigt mir, dass all diese Frauen eine bewegende Geschichte haben und wie gesellschaftliche Stigmatisierung diese Geschichten oft ignorant übergeht und Obdachlosigkeit mit Versagen gleichsetzt. Ich konnte von den Sozialarbeiterinnen und den Bewohnerinnen bereits viel lernen. Dafür bin ich sehr dankbar.

GoV: Welche Hintergründe führten die Frauen in Eurer Einrichtung denn mitunter in die Obdachlosigkeit?

Lisa: Die Gründe, warum die Frauen ihr Obdach verlieren sind natürlich sehr unterschiedlich. Häufige Gründe sind, denke ich, natürlich zuallererst der katastrophale Wohnungsmarkt. Zudem sind häusliche Gewalt oft in Kombination mit einer hohen finanziellen Abhängigkeit vom Partner, beziehungsweise Altersarmut, weitere Gründe. Dadurch geraten die Frauen auf die Straße.

Ebenso können, meinem Eindruck nach, psychische Erkrankungen und auch traumatische Erlebnisse häufig Ursachen für Obdachlosigkeit sein. Oft geht insbesondere mit einer psychischen Erkrankung dann eine hohe Scham einher, die es den Betroffenen schwer macht auf eigene soziale Hilfesysteme, wie Familie oder Freunde, zurückzugreifen. Drogenkonsum, welcher oft hinzukommt, wenn die Frauen bereits auf der Straße sind, verfestigen dann oft die scheinbare Ausweglosigkeit.

GoV: Und was sind in der Situation die alltäglichen Herausforderungen der Frauen?

Lisa: Ich denke, eine große alltägliche Herausforderung für die Frauen ist es für sich persönlich die eigene Würde aufrecht erhalten zu können. Deshalb sind auch Tageseinrichtungen neben den stationären Einrichtungen so unglaublich wichtig – Sich duschen zu können, saubere Kleidung zu erhalten und regelmäßig ein warmes Essen zu bekommen. Das ist, so denke ich, eine wesentliche Voraussetzung um Kraft zu sammeln und weiteres in Angriff nehmen zu können. Weitere Herausforderungen sind natürlich der Umgang mit der Szene und auch der Gewalt gegen Frauen. Die ist auf der Straße leider oft sehr präsent.

Wenn man die Frauen jedoch selbst Fragen würde, gäbe es sicher noch einiges mehr, was sie aufzählen könnten. Man wird auf der Straße – ob man will oder nicht – zu einer Kämpferin. Davor habe ich viel Respekt.

GoV: Glaubst Du, dass es Möglichkeiten für uns alle gibt, die obdachlosen Frauen in ihrem Alltagsleben zu unterstützen?

Lisa: Ja, es gibt viele Möglichkeiten. Eine sehr simpel erscheinende ist es mit Betroffenen zu sprechen. Ich glaube, mit eines der schlimmsten Dinge in der Obdachlosigkeit ist die Isolation von der – an einem vorbei lebenden – Gesellschaft. Die Unsichtbarkeit in der sich viele Betroffene gefangen fühlen. Und wenn es nur ein „Hey, wie geht es dir heute?“ ist. Diese Stadt ist nicht nur das Zuhause derjenigen, die das Privileg haben ein Dach über dem Kopf zu haben.

Ansonsten sind Spenden natürlich auch immer hilfreich. Egal ob für die Frauen wie etwa bei uns in der Einrichtung oder für die, die noch „auf der Platte“ sind.

Und dann ist persönliches Engagement in Einrichtungen, welche mit Betroffenen arbeiten auch eine gute Weise zu unterstützen. – Auch wenn es nur einmal im Monat ist. Schon allein die Begegnung zwischen den Menschen hilft, ein besseres Verständnis füreinander und für die Situation zu bekommen. Außerdem kann man so das teils lückenhafte Hilfesystem für obdachlose Menschen in den Städten zumindest ein kleines bisschen verbessern.

Engagement für wohnungslose Frauen

Wir danken Lisa herzlich für das Interview und hoffen, dass Du dadurch ein paar wertvolle Einblicke erhalten konntest.Wenn Dich Lisa inspirieren konnte und Du dich nun für ein Projekt mit wohnungslosen oder obdachlosen Menschen interessierst, dann schau doch Mal auf unserer Plattform von GoVolunteer vorbei! Dort findest Du ein passendes Engagement bei mehr als 160 Partnerprojekten aus dem Bereich „Armut & Obdachlosigkeit“! :)

Über die Autorin

Das Interview geführt hat Vera Colditz. Sie ist Praktikantin im Communications-Team von GoVolunteer.