„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – So heißt es in Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Gemeint ist damit, dass JEDER Mensch wertvoll und zu schützen ist. Doch dass das nicht der Realität entspricht, wird manchmal auf den Straßen sichtbar. Offensichtlich wird es spätestens in allen Notunterkünften, allen Essensausgaben, allen Kleiderkammern und Anlaufstellen für bedürftige und obdachlose Menschen. Daher ist Soziales Engagement in diesem Bereich so wichtig.

Wir als Gesellschaft können jedoch etwas dagegen tun. Um die Würde eines jeden Menschen zumindest ein Stück weit zu erhalten oder wiederherzustellen. Das geht zum Beispiel durch eine ehrenamtliche Tätigkeit.

Eine Gruppe, die Soziales Engagement betreibt, sind die Barber Angels (>). Sie sind eine ungewöhnliche Community von Friseur*innen und Organisator*innen in auffälligen Lederwesten, die deutschlandweit durch Freiwillige repräsentiert werden.

Kurz gesagt ist ihr Anliegen: Menschen in Not durch einen kostenlosen neuen Haarschnitt zeigen, dass sie schön und genauso wertvoll sind – wie eben alle Menschen. Wir haben sie deshalb in Berlin-Neukölln bei einem ihrer „Haarschneide-Events“ besucht. Vor Ort durften wir dann mit vielen Leuten sprechen und haben gesehen, dass das Ganze dabei so viel mehr als eine neue Haarpracht ist!

Ein Ort des Zusammenseins und des Soziales Engagement

Am 9. Februar war es dann so weit: Unter dem Motto „der Armut eine Stimme geben“ haben Dieter Padar Humanitas, Kalima e.V., die Barber Angels und viele weitere Helfer*innen in die Tee- und Wärmestube der Diakonie in Berlin-Neukölln geladen. Eine Einladung für bedürftige und obdachlose Menschen, um zu Kaffee, Kuchen und Abendessen zusammenzukommen. Dazu gab es noch die Möglichkeit zu duschen, neue Kleidung zu erhalten und: sich von den Barber Angels eine neue Frisur schneiden zu lassen.

Als wir gegen 16.30 Uhr eintrafen, war alles schon in vollem Gange. Die kleinen Räume der Tee- und Wärmestube waren gut gefüllt, es wurde gegessen und gesprochen. Dabei ging es um Kuchen und welche Frisur man sich vorstellt. An jeder Ecke entstand ein Gespräch und auch, wenn wir am Anfang viel über den Tag sprachen – schnell sprangen die Erzählungen auch weiter zu persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen.

Den Menschen dahinter sehen – denn es kann jede*n treffen

Unsere Gespräche vor Ort wurden dabei fast immer emotional und eines wurde deutlich: Das Leben ist nicht immer gerecht.

Manche Menschen müssen mehr Schicksalsschläge hinnehmen als andere, haben einfach von Anfang an nicht die gleichen Chancen oder werden krank. Und nicht selten bleibt irgendwann die eigene Würde irgendwo auf der Strecke. Spätestens dann, wenn Lebensumstände dazu führen, dass man am Abend kaum das Essen auf den Tisch bekommt oder den eigenen Wohnraum verliert und selbst die tägliche Hygiene nicht mehr gesichert ist. Und das passiert manchmal schneller als gedacht.

Denn was im Alltag nicht immer präsent ist, ist die Tatsache, dass Krankheit, Not und Armut jede*n treffen kann. Daher ist soziales Engagement unerlässlich.

Wenn man allgemein über die Gründe von Armut und Obdachlosigkeit spricht, geht es dabei oft auch um psychische Probleme. Aber was soll man sich darunter vorstellen, wenn man selbst gesund ist? Wie kann das greifbar werden?

Eine Antwort, die wir vor Ort gefunden haben: Mit betroffenen Menschen sprechen. So erzählt uns hier René seine Geschichte. Wie er als Kind durch Misshandlungen seiner Eltern immer wieder ins Heim kam. Dem schwierigen Verhältnis zu seiner Mutter und dem Alkoholismus des Vaters – der erträglicher war als die Übergriffe der Mutter. Er beschreibt unter Tränen, wie er in der Schule über Jahre intensiv gemobbt – sogar verprügelt wurde, weil er die Kleidung seiner älteren Schwester auftragen musste und wie all das zu seiner extremen Unsicherheit mit anderen Menschen führte. Dadurch musste er immer wieder seinen Job schmeißen. Trotz abgeschlossener Ausbildung zum Erzieher.

„Die Menschen sagen immer: Du musst vergessen. Aber das geht nicht. Weißt du, ich vergleiche das immer gerne mit einem Haus. Wenn bei einem Haus das Fundament scheiße ist, dann kann das ganze Ding nicht stehen.“ – René

Wenn das Fundament seit frühester Kindheit nicht steht, dann fällt man später in einer Notsituation zudem viel härter. Es gibt dann kein Sicherungsnetz, keine Hilfsangebote und all die Last aus der Vergangenheit.

Zusammen sind wir weniger allein

Was dann wichtig ist, beschreibt Renés Freundin, die ihren Namen nicht nennen möchte: Menschen, die unterstützend zur Seite stehen. Sie hat selbst durch schwere Traumata in der Kindheit zu kämpfen und musste daher schon in sehr jungem Alter in Rente gehen. Doch die reicht kaum zum Leben aus. Deshalb ist sie glücklich über die neue kostenlose Frisur und würde besonders aus einem Grund wiederkommen: „Hier begegnen dir die Leute auf Augenhöhe. Bei manch anderen Angeboten ist das leider nicht so.“

Kommt vieles zusammen und hat man vielleicht sogar alles Geliebte im Leben verloren, kann das irgendwann auch zum Verlust der Achtung vor sich selbst führen. In so einer Situation ist dann das wohl Wichtigste eine solidarische Gesellschaft. Menschen, die in dieser Zeit zur Seite stehen.

Engagement für Obdachlose löst Berührungsängste und macht glücklich

ZUSAMMEN SIND WIR WENIGER ALLEIN! Die Barber Angels nutzen wohl auch deshalb genau diesen Spruch als Leitsatz. Dabei beschreiben sie, dass das Engagement ganz nebenbei selbst glücklich macht. So erzählt Anja, wie sie durch einen Arbeitskollegen im letzten Jahr in Schwerin zu den Barber Angels gekommen ist. Nun tourt die gelernte Friseurin regelmäßig mit der Community an so manchen Sonntagen freiwillig und selbst finanziert durch verschiedene Städte des Landes. Und macht damit bedürftigen und / oder obdachlosen Menschen eine Freude. So wie nun hier in Berlin. Immer dabei ist auch ihr Mann. Ganz offen erzählt sie uns von der Herzlichkeit untereinander und wie auch sie selbst all ihre Bedenken und Ängste vor dem Zusammentreffen mit Obdachlosen schnell beiseite legte: „Alle meine Bedenken haben sich als total grundlos erwiesen“.

Durch die vorherigen Befürchtungen wird auch deutlich, welchen Ruf Obdachlose insgesamt in unserer Gesellschaft haben. Manche ekeln sich irgendwie ohne eine bestimmte Person vor Augen zu haben und nicht selten sitzt der Glaube tief, dass obdachlose Menschen fast immer aggressiv seien. Durch den fehlenden Kontakt bleiben solche Bedenken oder Zweifel auch ohne böse Absicht bestehen. Oft wird ein Austausch deshalb sogar bewusst vermieden.

Doch was hier bei einer Begegnung erkennbar wird: Erstmal sind alle Menschen. Zudem sind vor Ort alle freundlich und die meisten eher schüchtern und zurückhaltend. Vielen sieht man gar nicht an, dass sie ihr Leben auf der Straße bewältigen müssen. Und genau das wollen sie auch nicht. An diesem Tag möchten die meisten nicht fotografiert werden, um nicht zur Schau gestellt zu werden. Wir können das durch die Gespräche sehr gut verstehen: Es betrifft auch ihre Würde.

Ein Miteinander auf Augenhöhe

Das alle Anwesenden vor Ort auf Augenhöhe miteinander agieren und sich menschlich wirklich begegnen, wird an diesem Sonntag in der Tee- und Wärmestube sehr deutlich. Um das zu vereinfachen, trägt die Gruppe der Barber Angels zusätzlich bei allen Einsätzen ihre Leder-Kutten. Sie möchten mit ihrem Stil die Hemmschwelle für Kontakte auf dieser Ebene senken. Auf dem folgenden Foto ist Anja in dem typischen Outfit zu sehen.

Dass das ziemlich gut klappt, beschreibt auch Shelly. Sie ist ebenfalls Teil des Teams und verhalf ehrenamtlich schon so einigen Köpfen zu einer neuen Haarpracht. Dabei kam es zu vielen schönen, aber manchmal auch sehr emotionalen Momenten. So erzählt sie von einer Frau, die sie sehr bewegte. Immer wieder betonte diese, dass sie kein Geld dabei habe. Sie konnte kaum glauben, dass sie gar nichts zahlen muss und erkannte sich am Ende im Spiegel kaum wieder. Viel zu lange war ein solches Erlebnis her gewesen.

Manchmal erzählen die Menschen Shelly dabei sogar ihre ganz persönlichen und oft sehr traurigen Geschichten. Das führte dann auch schon dazu, dass am Ende beide Tränen in den Augen hatten. Doch gerade wegen solcher Momente gibt es ihr so viel, mit ihren Fähigkeiten für einen kurzen Moment ein Lächeln zurück in das Gesicht der Menschen zaubern zu können.

Auch Du kannst ein Zeichen setzen

Wir durften bei unserem Besuch viele tolle Eindrücke sammeln, die uns auch nachhaltig sehr beeindruckt und bereichert haben. Wenn Du noch mehr darüber wissen möchtest, haben wir hier auch noch eine spannende Reportage von ARTE über das Projekt der Barber Angels für dich.

Vor unserem GoVolunteer-Themenmonat zu „Obdachlosigkeit“ hatten manche von uns wenig oder keinen Kontakt zu bedürftigen oder obdachlosen Menschen. Mitgenommen haben wir bei diesem Besuch dadurch vor allem, wie unsichtbar Armut und Obdachlosigkeit sein kann. Wie wichtig Achtsamkeit und Respekt sind und wie viele Möglichkeiten es gibt, sich einzubringen.

Das Engagement der Barber Angels, Padar Humanitas, Kalima e.V. und all der anderen Engagierten vor Ort hat uns wirklich sehr begeistert und auch motiviert, uns selbst einzubringen. Wenn das bei Dir auch der Fall ist, dann haben wir hier noch einen Tipp für dich: Auf unserer Website findest Du viele tolle Projekte im Bereich „Armut und Obdachlosigkeit“. Das Beste: Die verschiedensten Fähigkeiten sind gefragt!

Über die Autorin

Vera Colditz hat die Barber Angels in Berlin-Neukölln bei dem Event in der Tee- und Wärmestube der Diakonie besucht und den Artikel darüber geschrieben. Sie ist Teil des Communication-Teams bei GoVolunteer.