Ein halber Punkt zu wenig: Ferihas Weg vom Sprachtest ins Ehrenamt und zum Traumberuf

Published On: 07.10.2026|Kategorien: Volunteers kennenlernen|8 min read|

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Zweimal fiel Feriha durch die C1-Prüfung. Beide Male fehlte ihr genau ein halber Punkt – und beide Male beim Sprechen. Statt aufzugeben, machte sie zunächst eine Pause und begann ein Ehrenamt im Seniorenheim Haus Gartenstadt von KORIAN in Berlin-Rudow, an der Grenze zu Schönefeld, Brandenburg, wo sie wohnt. Dort lernte sie nicht nur wieder frei zu sprechen, sondern auch Menschen kennen, die ihren Blick auf das Leben verändert haben. Heute hat sie das C1-Zertifikat in der Tasche und arbeitet als Dozentin.

1. Ferihas Volunteer Story

Feriha kommt aus der Türkei und lebt seit 2006 in Deutschland. Damals war sie Anfang 20 und hatte ein klares Ziel: studieren. Nach zwei Jahren Deutschkurs schaffte sie das C2-Zertifikat und bekam einen Studienplatz an der Universität Rostock. Im ersten Semester lernte sie ihren Mann kennen, drei Monate später heirateten die beiden.

„Ich möchte nicht immer zu Hause bleiben.“

Dann kam das Leben dazwischen – auf die schönste und anstrengendste Weise. Feriha bekam fünf Töchter. Das Studium musste sie pausieren, erst für ein Jahr, dann für einen längeren Zeitraum. Am Ende waren es über zwölf Jahre zu Hause.

In dieser Zeit sprach sie fast nur Türkisch, denn deutsche Freund:innen und Bekannte hatte sie kaum, Gelegenheiten zum Deutschsprechen noch weniger. Und eine Sprache, die man nicht spricht, wird leiser.

Als ihre jüngste Tochter drei Jahre alt war, war für Feriha klar: So soll es nicht weitergehen.

Ich habe zu meinem Mann gesagt: Ich muss jetzt etwas machen. Ich möchte nicht immer zu Hause bleiben.

Zurück an die Universität konnte sie nicht mehr, denn nach so langer Pause hätte sie den kompletten Bewerbungsprozess noch einmal durchlaufen müssen. Ihr Mann hatte eine andere Idee: Dozentin für Erwachsene. Dafür brauchte Feriha aber ein C1-Zertifikat.

Zweimal knapp gescheitert – wegen eines halben Punktes

Feriha meldete sich bei einer Sprachschule an und wollte am liebsten auf B2 zurückgehen, so unsicher fühlte sie sich. Der Einstufungstest sah das anders und stufte sie höher ein. Mühsam war der Weg trotzdem: Vieles an Grammatik war weg, und ein Gedanke saß besonders tief – dass sie perfekt sprechen müsse, ohne einen einzigen Fehler.

Es folgte die Prüfung und einen Monat später das enttäuschende Ergebnis, dass sie nicht bestanden hatte. In allen Teilen war sie gut, nur beim Sprechen fehlte ein halber Punkt. 35,5 statt 36 Punkte.

Drei Tage lang habe ich geweint. Wirklich, drei Tage lang. Wenn mir zehn Punkte gefehlt hätten, okay. Aber ein halber Punkt?

Ihr Widerspruch brachte nichts, also setzte sie sich ein zweites Mal in denselben Prüfungsraum. Sie fiel leider wieder durch, wieder wegen eines halben Punktes beim Sprechen. Diesmal weinte sie nicht, diesmal lachte sie. Aufgeben kam trotzdem nicht infrage.

Ihr Mann schlug vor, es für eine Weile anders anzugehen: nicht noch ein Kurs, sondern ein Ehrenamt, bei dem sie im Alltag wieder ins Sprechen kommt. Feriha suchte im Internet und stieß auf das Projekt „Du für Brandenburg“. 

Das Team überlegte mit ihr, was zu ihr passt, nahm Kontakt zum KORIAN Seniorenheim an der Grenze von Schönefeld auf, wo sie wohnt, und organisierte einen Kennenlerntermin. Zweimal pro Woche war Feriha von da an dort.

Ehrenamt im Seniorenheim: Das war nicht ihre erste Priorität

Eigentlich wollte Feriha mit Kindern arbeiten – das war schon immer ihr Traum. Ältere Menschen standen nicht auf ihrer Prio-Liste. In den ersten Tagen im Seniorenheim wurde sie sogar vorgewarnt, dass der Kontakt manchmal anstrengend sein könne und sie nicht alles persönlich nehmen solle.

Gekommen ist es ganz anders, wie so oft im Leben. Feriha hat im Seniorenheim keine einzige schlechte Erfahrung gemacht. Ganz im Gegenteil. Sie saß am festen Basteltag mit älteren Menschen bis zu 104 Jahren am Tisch, schnitt, klebte, redete und lachte – etwas, das sie von zu Hause kennt. Denn mit ihren eigenen Kindern bastelt sie so gern, dass daraus sogar zwei YouTube-Kanäle entstanden sind. Je länger sie im Seniorenheim war, desto klarer wurde ihr, wie viel ältere Menschen und Kinder gemeinsam haben.

Senioren sind wie Kinder. Sie möchten immer sprechen, immer lachen, immer etwas erzählen.

Valentyna

Feriha im Seniorenheim

Valentyna

Feriha beim Unterrichten 

Feriha bemerkte aber auch, wie allein viele Bewohner:innen waren, da sie nur selten Besuch bekamen. Ihre Aufgabe war Betreuung und nicht Pflege, also genau das, was dort am meisten fehlte: Zeit verbringen, zuhören, gemeinsam etwas tun.

Eine Bewohnerin vergaß vieles. Oft zeigte sie mir ihre Fotoalben und sagte: „Das war ich, das war meine Schwester“. Und ich habe gern zugehört. Das sind sehr schöne Geschichten.

Es gab auch schwere Momente. Mit einer Bewohnerin trank Feriha regelmäßig Kaffee. Die beiden mochten sich sehr, bis eines Morgens ein schwarzer Schmetterling an der Tür hing – das Zeichen des Hauses, wenn jemand gestorben ist. Feriha hat lange gebraucht, um das zu verarbeiten. Und trotzdem, oder gerade deshalb, sagt sie heute einen Satz, den man so selten hört:

Ich bin sehr dankbar für diesen halben Punkt. Ohne ihn hätte ich diese Menschen nie getroffen.

Nach einiger Zeit fragte der damalige Leiter des Hauses, ob sie sich vorstellen könne, dort auch zu arbeiten. Sie konnte. Es folgten zwei Monate Online-Weiterbildung und ein Monat Praktikum, danach fing Feriha als Betreuungskraft an und blieb rund ein Jahr. Aus dem Ehrenamt war eine feste Aufgabe geworden, die ihr große Freude bereitete und mit der sie sehr zufrieden war.

Der zweite Anlauf: vom Seniorenheim in den Traumberuf

Am wichtigsten war aber etwas, das in keinem Lebenslauf steht: Das tägliche Sprechen. Erst in ihrem Ehrenamt und schließlich bei der Arbeit, konnte ihr die Angst genommen werden, die sie jahrelang begleitet hatte.

Damals hatte ich Angst zu sprechen. Wirklich Angst. Ich dachte immer: Nein, das kann ich nicht. Das Ehrenamt hat mir sehr viel geholfen.

Zusätzlich übte sie in der wöchentlichen Sprechstunde von „Du für Brandenburg“. Mit diesem Selbstvertrauen im Rücken nahm sie die C1-Prüfung noch einmal in Angriff – und bestand. 

Damit war der Weg frei für den Beruf, den sie sich seit Jahren gewünscht hatte. Heute unterrichtet Feriha an einer Sprachschule zwei Alphabetisierungsklassen mit insgesamt 30 Erwachsenen, viele von ihnen mit Fluchterfahrung. In ihren Kursen wird gefeiert: Sie hat einen großen Kalender gekauft und arbeitet sich der Reihe nach durch alle Geburtstage, mit einem kleinen Kuchen, einer Kerze und einer selbst gepackten Tüte, für jede und jeden dieselbe. Viele Teilnehmende haben ihr gesagt, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben Geburtstag feiern.

Was das Ehrenamt verändert hat: der Blick auf Menschen

Bevor Feriha die Bewohner:innen des Seniorenheims kannte, hatte sie ziemlich klare Vorstellungen davon, was ältere Menschen können, wollen und sollen. Die Begegnungen haben diese Vorstellungen gründlich korrigiert: Aus „den Senioren“ wurden einzelne Menschen mit eigenen Geschichten, eigenem Humor und dem Wunsch, gefragt zu werden.

Dieselbe Erfahrung macht sie jetzt in ihren Kursen, nur mit einer anderen Gruppe. Auch über Geflüchtete hatte sie früher schnelle Erklärungen parat. Heute sitzt sie täglich mit 30 Menschen im Raum und weiß, was hinter dem ersten Eindruck stecken kann: schwierige Erfahrungen, Sorge um die Familie im Herkunftsland, ein Alltag voller Behördenpost in einer fremden Sprache. Wer sich nicht erklären kann, wirkt schnell abweisend. Dabei fehlt ihm einfach eine Antwort wie „Nein, das war ich nicht“.

Beide Male dieselbe Lehre: Aus einer Gruppe werden einzelne Menschen, sobald man ihnen wirklich begegnet – und beide Male hat das Ehrenamt den Anfang gemacht.

Ihre Teilnehmenden haben inzwischen eigene Ziele: Eine Person möchte Automechaniker:in werden, eine Gärtner:in, eine Busfahrer:in.

Vielleicht schaffen sie es nicht sofort. Aber sie haben ein Ziel. Das ist super gut.

Das Seniorenheim hat Feriha dabei nie ganz losgelassen. Als sie aufhörte, war das Team traurig und sagte ihr, sie könne jederzeit zurückkommen; sie schaut bis heute ab und zu vorbei und möchte das gerne öfter tun. Mit einem Augenzwinkern sagt sie, sie habe jetzt zwei Berufe – Dozentin und das Seniorenheim, an dem ihr Herz hängt.

Ein Ziel hat sie auch noch: irgendwann Deutsch sprechen wie eine Muttersprachlerin, ohne Pause und ohne Nachdenken. Anderen, die neu in Brandenburg sind, rät sie vor allem eines: rausgehen, etwas tun, sprechen. Denn Ehrenamt ist beidseitig, erklärt sie:  

Ich möchte Deutsch lernen – und die Senior:innen möchten auch sprechen. Einfach mit jemandem sprechen.

Oder, wie sie es am Ende des Gesprächs zusammenfasst: Wir sind Menschen. Wir müssen uns gut verstehen.

2. „Du für Brandenburg“ hilft beim Start ins Ehrenamt

Feriha hat ihr Ehrenamt über „Du für Brandenburg“ gefunden. Das Programm ist ein Angebot von GoVolunteer e.V. und hilft Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung beim Start ins ehrenamtliche Engagement – kostenlos und zeitlich flexibel. Wir suchen gemeinsam eine passende Einsatzstelle, stellen den Kontakt her und begleiten beim ersten Kennenlernen. Denn ehrenamtliches Engagement eröffnet neue Chancen und Perspektiven – persönlich und beruflich.

Das Programm „Du für Brandenburg“ wird gefördert durch:

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