Aus Freiwilligkeit wird Zukunft: Burcus Weg zu einem neuen Leben
Als Burcu aus der Türkei nach Deutschland zog, begann für sie ein völlig neuer Abschnitt. Sie ließ vieles zurück – Familie, Freunde, ihr gewohntes Leben – und musste in einem fremden Land ganz von vorn anfangen. Die ersten Monate waren still und voller Herausforderungen, doch Burcu hielt an ihrer Zuversicht fest. Sie wollte Teil der neuen Gesellschaft werden, Menschen begegnen, Gutes tun. Über das Ehrenamt beim Deutschen Roten Kreuz in Berlin Spandau entdeckte sie Schritt für Schritt, wie erfüllend es sein kann, anderen zu helfen und dabei selbst anzukommen.
1. Burcus Volunteer Story
Burcu Ekici Soliman ist 27 Jahre alt und kommt aus Çanakkale, einer kleinen Stadt zwischen Istanbul und Izmir an der türkischen Küste. Schon früh spürte sie, dass ihr Herz für Menschen schlägt: Nach ihrem Soziologiestudium absolvierte sie zusätzlich eine pädagogische Ausbildung – immer mit dem Traum, eines Tages im sozialen Bereich zu arbeiten.
Doch die allgemeine Situation in der Türkei gestaltete sich als sehr herausfordernd. Es war schwer, einen Arbeitsplatz zu finden und die soziale, politische und wirtschaftliche Lage passten nicht zu Burcus Vorstellungen eines selbstbestimmten Lebens. Deutschland galt in der Türkei schon immer als das beliebteste Auswanderungsland – aus dem Grund lernen viele junge Menschen dort bereits am Gymnasium Deutsch als zweite Fremdsprache.
Mein Vater lebte schon in Europa, in Polen. Eine meiner Schwestern und ich sind mit ihm nach Deutschland gekommen. Meine Mutter und meine andere Schwester sind noch in der Türkei – aber wir hoffen, bald wieder alle zusammen zu sein.
Nach einer ersten Zeit in Ingolstadt zog Burcu nach ihrer Hochzeit zu ihrem Ehemann nach Berlin, der bereits dort lebte. Der Anfang in der neuen Stadt war alles andere als leicht. Obwohl sie schon ein bisschen Deutsch verstand, fiel ihr das Sprechen im Alltag schwer. Die Familie war weit weg und der Alltag oft still. Doch Burcu begann intensiver Deutsch zu lernen und sich nach Möglichkeiten umzusehen, aktiv zu werden. Über Freunde erfuhr sie von „Du für Berlin” – einem Projekt, das Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung hilft, ein Ehrenamt zu finden. Burcu meldete sich sofort.
Vom Ehrenamt zur erfüllende Arbeit
Durch „Du für Berlin” begann Burcu ihr Ehrenamt beim Deutschen Roten Kreuz in Berlin-Spandau Dort unterstützte sie Frauen in ihrer Unterkunft beim Deutschlernen – viele konnten kaum lesen oder schreiben. Burcu half ihnen mit Geduld und Herz. Besonders die Arbeit mit Frauen und Kindern lag ihr am Herzen, da beide Gruppen oft wenig Einfluss auf Entscheidungen haben, die ihr Leben verändern.
Viele Frauen und Kinder haben nicht selbst entschieden, hierher zu kommen. Viele Kinder machen auch in der Schule schwierige Erfahrungen, weil sie kein Deutsch können. Deshalb finde ich besonders wichtig, die Frauen und Kinder mit Migrationshintergrund zu unterstützen: ihnen zu helfen, mit ihnen zu sprechen und etwas gemeinsam zu unternehmen, damit sie sich wohlfühlen.
Doch schnell merkte Burcu: Viele Frauen konnten wegen familiärer Verpflichtungen nicht regelmäßig teilnehmen und sie selbst sehnte sich nach einer neuen Herausforderung. Sie sprach mit ihrer Ehrenamtskoordinatorin Melissa und gemeinsam suchten sie nach einer neuen Aufgabe. Melissa wusste, dass Burcu bereits eine pädagogische Ausbildung hatte. Das eröffnete neue Möglichkeiten.
Burcu begann, als Übersetzerin für türkischsprachige Familien aktiv zu werden. Sie begleitete Gespräche mit Sozialarbeiter:innen und unterstützte sie bei Formularen und Behördenschreiben.
Als im Haus ein Kinderprojekt zum Sommerfest startete, wurde Burcu gefragt, ob sie dort mitarbeiten möchte. Die Arbeit in diesem Projekt wurde ihr von Olga angeboten, Co-Leiterin und Ehrenamtskoordinatorin, und Burcu nahm das Angebot gerne an. Zuerst bekam Burcu einen Honorarvertrag. Da die Zusammenarbeit sehr gut funktionierte, bot Olga ihr später eine feste Stelle in der Kinder- und Sozialbetreuung an. Dafür ist Burcu ihr bis heute sehr dankbar. Ihre engagierte Mitarbeit und ihr offenes Interesse an mehr Verantwortung führten jedoch dazu, dass sie schließlich fest angestellt wurde – als Kinderbetreuerin und Sozialberaterin. Heute hört sie den Kindern zu, spielt, bastelt und redet mit ihnen, damit sie sich wohlfühlen und Vertrauen aufbauen können.
Nicht nur hat mir ehrenamtliche Arbeit geholfen, eine Arbeitsstelle zu finden, sondern auch, wieder sozial zu sein. Als ich nach Berlin kam, hatte ich keine Freunde hier. Mein Mann musste morgens arbeiten, ich war allein. Durch ,Du für Berlin’ habe ich Menschen kennengelernt, Freundinnen gefunden – und das hat mir unglaublich gutgetan. ,Du für Berlin’ hat mir aus zwei Seiten geholfen: einmal wieder sozial aktiv zu sein, ein Netzwerk zu bekommen – dann eine Arbeitsstelle zu finden
Heute ist Burcu fest beim Deutschen Roten Kreuz angestellt. Sie organisiert Kinderaktivitäten, Turniere am Kickertisch, begleitet Familien im Alltag und hilft bei Anträgen. Ihre Arbeit ist sinnstiftend – und ein Beispiel dafür, wie aus freiwilligem Engagement ein neuer beruflicher Weg entstehen kann.
Eine Leidenschaft für den sozialen Bereich – schon seit Kindertagen
Schon als Kind träumte Burcu davon, mit Menschen zu arbeiten. In der Türkei wollte sie Lehrerin an der Universität werden, doch politische Strukturen und fehlende Chancen machten es schwer. In Deutschland fand sie ihren Weg zurück zu ihrer Leidenschaft.
Ich war schon immer ein sozialer Mensch. Ich mag es, zu sprechen, zu lachen, draußen zu sein. Immer nur am Computer sitzen – das wäre nichts für mich.
Besonders die Arbeit mit Kindern liegt ihr am Herzen. Viele der Kinder in ihrer Unterkunft haben schwere Erfahrungen gemacht oder fühlen sich in der Schule ausgeschlossen. Burcu schafft kleine Momente des Glücks. Ein Moment ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: Ein gemeinsamer Pizzatag.
Am Ende des Tages hatten alle Kinder Pizza bekommen – nur ich nicht. Dann sagten sie: ‚Du sollst auch essen!‘ Sie schnitten mir selbst ein Stück ab. Das war ein wunderschöner und unvergesslicher Moment. Ich sehe, dass ich für sie wichtig geworden bin. Das macht mich glücklich.
Mit der Zeit merkte Burcu, dass ihre Arbeit mehr bewirkt, als sie anfangs gedacht hatte. Anfangs fühlte sie sich oft unsicher und fragte sich, ob sie überhaupt etwas verändern könnte. Doch nach und nach bemerkte sie, dass die Kinder Vertrauen zu ihr fassten. Diese Entwicklung machte sie glücklich und zeigte ihr, dass ihr Engagement wirklich etwas verändert.
Heute blickt Burcu voller Zuversicht nach vorn. Ihr nächstes Ziel: als Sozialarbeiterin arbeiten. Dafür sammelt sie Erfahrungen, lernt neue Begriffe und Abläufe und bleibt neugierig – Schritt für Schritt, mit Geduld und Herz.

Burcu vor dem Kinderraum

Burcu in der Gemeinschaftsunterkunft des DRK
Loslassen lernen – Neuanfang in kleinen Schritten
Burcu weiß, dass das Ankommen in einem neuen Land nicht einfach ist. Die fremde Sprache, die Bürokratie, das Alleinsein – all das war am Anfang herausfordernd. Doch sie hat gelernt, sich keinen Druck zu machen und ihren Weg langsam aufzubauen.
Am Anfang war ich wie ein fünfjähriges Kind – ich wusste nichts, wirklich gar nichts. Also habe ich alles Schritt für Schritt gemacht und nicht zu viel geplant. Manchmal dachte ich: Ich verliere Zeit, aber dann sagte mir eine innere Stimme: Nein, mach dir keine Sorgen. Heute arbeite ich in dem Bereich, den ich immer wollte – das zeigt mir, dass sich Geduld lohnt.
Als sie nach Deutschland kam, war sie 24 Jahre alt. Während ihre Freunde in der Türkei bereits Familie und Arbeit hatten, begann Burcu noch einmal ganz von vorne. Sie erinnert sich, dass sie sich manchmal wie ein Kind fühlte, das alles neu lernen musste – von der Sprache bis zum Alltag. Am Anfang war sie oft allein und sie musste auch lernen, mit der Einsamkeit umzugehen. Statt sich davon entmutigen zu lassen, setzte sie sich kleine, erreichbare Ziele.
Ich habe hier gelernt, dass man sich keinen Druck machen soll. Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo und seinen eigenen Weg. ‘Zeit verdienen’ ist eigentlich ein sehr komischer Begriff.
Über „Du für Berlin” hat Burcu nicht nur einen Job gefunden, sondern auch ein soziales Netz, Freundschaften und Selbstvertrauen. Sie hat erfahren, dass Engagement nicht nur anderen hilft – sondern auch einem selbst.
Darum möchte Burcu anderen Mut machen, die in einer ähnlichen Situation sind: Schritt für Schritt zu gehen, sich Ziele zu setzen – und sich selbst Zeit zu geben.
2. „Du für Berlin“ hilft beim Start ins Ehrenamt

Burcu hat ihr Ehrenamt über „Du für Berlin“ gefunden. „Du für Berlin“ ist ein Programm von GoVolunteer e.V. und hilft Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung beim Start ins ehrenamtliche Engagement – kostenlos und zeitlich flexibel. Wir wollen Teilnehmenden den Start ins Ehrenamt in einer digitalisierten Welt erleichtern. Denn ehrenamtliches Engagement bietet neue Chancen und Perspektiven – persönlich und beruflich. Dadurch können sie selbstbestimmt und ohne Bürokratie aktiv werden.
Das Programm „Du für Berlin“ wird gefördert durch:



