Das Thema Obdachlosigkeit ist gerade jetzt relevanter und aktueller denn je. Trotzdem gibt es gerade in diesem Bereich noch etliche Unklarheiten, Zweifel und offene Fragen:

Mit welchen Vorurteilen haben wohnungslose Personen zu kämpfen? Haben obdachlose Menschen überhaupt Anspruch auf Sozialhilfe? Gibt es eine „Bettelmafia“? Und wie kann ich obdachlosen Mitmenschen in diesem Winter konkret helfen?

Wir haben eure häufigsten Fragen zum Thema Obdachlosigkeit gesammelt und liefern euch hier die wichtigsten Antworten auf einen Blick.

Wie viele obdachlose Menschen leben in Deutschland?

So genau weiß das im Moment (noch) niemand. Es gibt keine offizielle Zahl darüber, wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich wohnungslos sind, weil es hierüber immer noch keine offizielle Statistik oder Zählung gibt. Das soll sich nun aber ändern: Ab 2022 plant das Statistische Bundesamt eine jährliche Erhebung.

Bei der letzten Schätzung im Jahr 2018 hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W) die Zahl aller Wohnungslosen in Deutschland auf 678.000 geschätzt. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von ganz Bremen. 441.000 Menschen davon waren übrigens geflüchtete Personen. Mittlerweile dürfte die Zahl der Wohnungslosen aber deutlich höher sein.

Gibt es auch obdachlose Kinder in Deutschland?

Rein theoretisch und bestenfalls sollte in Deutschland kein Kind auf der Straße leben müssen. Denn sobald eine Familie oder eine alleinerziehende Mutter mit Kind ihre Wohnung verliert, kümmert sich die Kommune um die Unterbringung in einer Einrichtung.

Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W) nimmt die Zahl von wohnungslosen Familien mit Kindern in den letzten Jahren aber stetig zu und ihre Unterbringung wird immer schwieriger. Schätzungen zufolge leben etwa 11% aller wohnungslosen Familien auf der Straße – und zwar zusammen mit ihren Kindern. Warum immer mehr Frauen und alleinerziehende Mütter von Obdachlosigkeit betroffen sind, erfährst Du in unserem Artikel zum Thema.

Gibt es Menschen, die freiwillig auf der Straße leben?

Die gibt es. Einige Menschen haben sich ganz bewusst für ein Leben unter freiem Himmel entschieden. Da wäre zum Beispiel der ehemalige Philosophiestudent „Schnitte“, der sich nur auf der Straße wirklich frei fühlt, den gesellschaftlichen Konventionen entfliehen will und jedes Jahr seinen Geburtstagskuchen mit Passanten teilt. Oder es gibt den Briten Stef Roberts, der sich trotz Job und einer eigenen Animationsfirma vor ein paar Jahren dazu entschied, jeden Tag mit einer Hängematte im Wald unter freiem Himmel zu schlafen. Seine Erlebnisse hat der „Digitale Nomade“ bis vor zwei Jahren noch auf seinem Youtube-Kanal dokumentiert.

Diese Menschen sind allerdings nicht die Regel und ein Leben auf der Straße ist alles andere als romantisch. Ein Großteil der wohnungslosen Menschen lebt nicht freiwillig auf der Straße. In manchen Fällen hat ein Schicksalsschlag dafür gesorgt, dass sie ihre Wohnung verloren haben: So zum Beispiel Flucht, eine Trennung, Verschuldung, Sucht, Jobverlust oder gesundheitliche Probleme.

Welche Vorurteile gegenüber obdachlosen Menschen gibt es?

„Verwahrlost, arbeitsscheu, süchtig.“ Obdachlose Menschen haben immer wieder mit den gleichen Vorurteilen und Ausgrenzung zu kämpfen. Welche Vorurteile gegenüber obdachlosen Menschen gibt es und wie kommen sie zustande?

Dass wohnungslose Menschen generell nicht arbeiten wollen, stimmt nicht. Einige von ihnen haben einen Arbeitsvertrag, nehmen regelmäßig Gelegenheitsjobs an oder sind arbeitssuchend. Man sieht es ihnen „auf den ersten Blick“ nur nicht an. In vielen Fällen sind wohnungslose Menschen allerdings gar nicht arbeitsfähig, weil sie mit essentiellen Problemen zu kämpfen haben. Und viele Arbeitgeber:innen stellen keine Bewerber:innen ohne festen Wohnsitz ein.

Einige Menschen, die auf der Straße leben, sind alkoholabhängig. Einige Betroffene berichten, dass sie nur so den harten Alltag und die Kälte bewältigen können. Ein Entzug oder eine Entgiftung ist selbst in einem stabilen Lebensumfeld schon eine gewaltige Herausforderung – für wohnungslose Menschen kann ein kalter Entzug ohne jegliche Hilfe jedoch lebensgefährlich werden. Die Annahme, dass alle obdachlosen Mitbürger:innen generell Alkoholiker:innen sind, ist allerdings falsch.

Mangelnde Körperpflege ist den wenigsten obdachlosen Menschen völlig egal. Viele von ihnen suchen regelmäßig Einrichtungen auf, in denen sie sich duschen und ihre Kleidung waschen können. Einen gepflegten, gut gekleidete:n Wohnungslose:n würde man auf den ersten Blick allerdings nicht unbedingt als einen obdachlosen Mitmenschen identifizieren. Wer unter freiem Himmel lebt, hat meist nicht die Möglichkeiten, sich jeden Morgen zu duschen und die Zähne zu putzen. Das heißt allerdings nicht, dass obdachlosen Menschen die Hygiene komplett egal ist. Einige von ihnen haben allerdings das Gespür für die eigene Körperhygiene verloren, weil sie mit anderen Problemen zu kämpfen haben.

Ist Betteln in Deutschland überhaupt erlaubt?

Seit 1974 ist das Betteln in Deutschland grundsätzlich erlaubt und nicht mehr strafbar. Wird allerdings zu aufdringlich oder viel zu aggressiv nach Geld gefragt, dann kann das als Ordnungswidrigkeit eingestuft und auch so geahndet werden. Sobald beim Betteln Falschaussagen wie „Bin taubstumm und blind!“ oder „Habe 3 Kinder!“ ins Spiel kommen, handelt es sich um einen Betrugsfall, der im schlimmsten Fall angezeigt werden kann. Betteln ist in Deutschland übrigens steuerfrei, solange es nicht gewerblich ist oder einem Unternehmen dient.

Was ist eine „Bettelmafia“?

In einigen Boulevardblättern liest man immer wieder von der „osteuropäischen Bettelmafia“. Dabei sollen kriminelle Banden große Gruppen von Männern, Frauen und auch Kindern auf die Großstadtstraßen schicken, um organisiert zu betteln. Die Einnahmen daraus sollen bei den Drahtziehern abgegeben werden, die allerdings (so heißt es) einen großen Teil der Spenden einbehalten. Laut der Caritas gibt es bislang aber nur „wenige polizeiliche Belege“ dafür, dass eine kriminelle, osteuropäische „Bettelmafia“ existiert. In jedem Fall sollte organisiertes Betteln nicht automatisch mit kriminellem Betteln gleichgesetzt werden.

In Deutschland muss niemand obdachlos sein. Stimmt das?

Theoretisch und bestenfalls sollte in Deutschland niemand obdachlos oder wohnungslos sein, wenn er das nicht möchte. In der internationalen Sozialcharta ist das „Recht auf Wohnen“ als Menschrecht sogar fest verankert. Und in Deutschland sind die Kommunen rechtlich dazu verpflichtet, obdachlose Menschen kurzfristig in Notunterkünften oder sozialen Einrichtungen unterzubringen.

Um Menschen langfristig von der Straße zu holen, muss allerdings genügend Wohnraum zur Verfügung gestellt werden. Und bei der Wohnungsbeschaffung spielt die Bürokratie immer noch eine große Rolle: Wer als obdachloser Mensch eine Wohnung anmieten möchte, muss zunächst einige Behördengänge und viel Papierkram bewältigen sowie gültige Ausweisdokumente vorweisen können.

Warum beziehen obdachlose Mitmenschen nicht einfach Sozialhilfe?

In Deutschland haben auch wohnungslose Menschen ein Recht auf die Grundsicherung. Hartz4-4-Leistungen kann man entsprechend auch beziehen, wenn man keinen festen Wohnsitz vorweisen kann.

Allerdings wird für den Antrag auf Hartz-4-Leistungen ein gültiger Personalausweis und eine Adresse benötigt, an welche die Post geschickt werden kann. Genau hier kommen viele obdachlose Menschen aber schon an ihre Grenzen. Hinzu kommt, dass obdachlose, ausländische Mitbürger in Deutschland keinen Anspruch auf Sozialhilfe haben. Allerdings handelt es sich bei einem Großteil der Wohnungslosen um geflüchtete Menschen.

Ist die Bezeichnung „Obdachloser“ problematisch?

Der Begriff „Obdachlos“ leitet sich von obedach (Überdach) sowie -los ab und bedeutet frei übersetzt so viel wie „ohne schützendes Dach“. Aktuell wird heiß diskutiert, ob die Bezeichnung „Obdachloser“ wegen seiner negativen Konnotation möglicherweise nicht politisch korrekt sei.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe nutzt den Begriff „Wohnungslose“ beispielsweise für Menschen, die keinen Mietvertrag haben. Diese Bezeichnung schließt sowohl obdachlose Mitmenschen, aber auch Personen mit ein, die gerade übergangsweise bei Freunden oder zur Zwischenmiete leben. Eine komplette Übersicht zu den Begriffen „Obdachlosigkeit“, „Wohnungslosigkeit“ und „Armut“ haben wir Dir übrigens in diesem Artikel zusammengestellt.

Wie kann ich obdachlosen Menschen helfen?

Es gibt viele Möglichkeiten, obdachlosen Menschen in deiner Umgebung zu helfen. Die Hilfe reicht über Gabenzäune, Kleider-, Geld- oder Lebensmittelspenden bis hin zur aktiven Hilfe direkt vor Ort. Hier findest du verschiedenste Projekte, bei denen du dich für obdachlose Mitmenschen engagieren kannst.

Wie Du obdachlose Menschen ganz konkret in der Corona-Pandemie helfen kannst, erfährst Du übrigens in unserem Artikel zum Thema.

Wie kann ich einen obdachlosen Menschen ansprechen, wenn ich helfen möchte?

Du kannst einen wohnungslosen Mitmenschen so ansprechen, wie Du selbst gerne angesprochen werden möchtest: freundlich, respektvoll und auf Augenhöhe. Die meisten Menschen freuen sich über ein paar nette Worte, ein „Wie geht´s?“ oder über Hilfsbereitschaft.

Benötigt die angesprochen Person aktuell keine Hilfe oder möchte sie sich akut nicht mit dir unterhalten? Dann respektiere ihren Wunsch. Vielleicht benötigt sie im Moment einfach etwas Ruhe. Wohnungslose Mitmenschen können sich nicht ins eigene Zimmer oder die eigenen vier Wände zurückziehen, wenn sie nicht gestört werden möchten.

Der Berliner Verein für Straßensozialarbeit „Gangway“ hat einen FAQ-Leitfaden für den Umgang mit Obdachlosen herausgebracht, der viele Informationen für euch bereithält.

Soll ich einem obdachlosen Menschen lieber Essen oder Geld geben?

Ob Du einen obdachlosen Menschen mit einer direkten Spende unterstützen möchtest und wie diese ausfallen soll, bleibt Dir überlassen. Weil bei Geldspenden häufig das Vorurteil mitschwingt, dass der Empfänger das Geld nur für Alkohol ausgeben wird, wollen viele Menschen lieber Lebensmittel oder Sachspenden schenken.

Bevor man einem obdachlosen Mitmenschen aber einfach ein Salamibrötchen, einen Kaffee oder einen Apfel aus dem Supermarkt mitbringt, sollte man vorher freundlich fragen, was die Person überhaupt benötigt. Vielleicht ist Dein Gegenüber Vegetarier und kann mit einem Salamibrötchen nicht viel anfangen. Vielleicht hat die Person heute schon zehn Kaffee ausgegeben bekommen. Vielleicht kann sie einen Apfel aufgrund von Zahnproblemen auch einfach schlecht essen.

Wie kann ich obdachlose Mitmenschen speziell im Winter unterstützen?

Die kalte Jahreszeit stellt viele obdachlose Menschen noch einmal vor besondere Herausforderungen. Immer in den Wintermonaten verzeichnen die Notunterkünfte einen starken Zulauf. Dieses Jahr gibt es allerdings eine weitere Erschwernis: Aufgrund der geltenden Corona-Abstandsregelungen können viele Einrichtungen weniger Schlafplätze als üblich zur Verfügung stellen. Wenn die Temperaturen nachts in den Minusbereich rutschen, kann eine Übernachtung im Freien schnell zu einer gefährlichen Angelegenheit werden. Die Diakonie rechnet jetzt schon mit weitaus mehr Kältetoten in diesem Winter.

Jetzt wird jede Hilfe benötigt. Die kann von Kleider- oder Lebensmittelspenden über finanzielle Hilfe bis hin zur aktiven Unterstützung reichen. Wer jetzt mit wachen Augen durch die Stadt läuft und frierende, wohnungslose Mitmenschen freundlich fragt, ob sie eventuell Hilfe brauchen, kann im wahrsten Sinne des Wortes Leben retten.

Die Berliner Kältehilfe kann nicht nur für Unterbringungsmöglichkeiten kontaktiert werden, man kann sie auch mit Sach- oder Geldspenden unterstützen. Via Kältehilfe-App kann übrigens in Sekundenschnelle das benötigte Hilfsangebot ausgewählt werden. In Hamburg ist die Antikältehilfe aktiv, in München dreht der Kältebus regelmäßig seine Runden und in Köln kann der Kältebus des Vereins FDKS kontaktiert werden.

Wenn du dich in diesem Winter aktiv für wohnungslose Menschen engagieren möchtest, solltest du einen Blick auf unsere Projekte im Bereich „Armut & Obdachlosigkeit“ werfen. Gerade jetzt zählt jede Hilfe.  

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